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Mit einer winzigen Staubsaugerdüse in der Grösse eines Kugelschreibers wird die Stickerei von Schmutz befreit.© Abegg-Stiftung, Riggisberg
Ausstellungen Abegg-Stiftung, Riggisberg

Textile Spurensuche

von Katja Zellweger Hier wird dem Stoff zu Leibe gerückt mit Chirurgennadel und Ministaubsauger: Ein Besuch im Konservierungsatelier der Abegg-Stiftung anlässlich der neuen Sonderausstellung «Spurensuche» zum 50. Jubiläum der Institution.

Es herrscht eine konzentrierte Stille im grossen, braun getäferten Atelier mit ausschweifendem Blick auf die Natur. Über grosse Tischplatten gebeugt arbeiten mehrere Textilkonservatorinnen und -restauratorinnen in Ausbildung. Mit Chirurgennadel werden die rissigen Gewänder auf einen Unterlegestoff angenäht, während zwei Studentinnen eine Büste herstellen, auf der ein Umhang aus Seidengewebe aus dem Tibet des 7.Jahrhunderts möglichst passgenau und schonend zu liegen kommen wird.

Seit 50 Jahren thront in der Abegg-Stiftung in Riggisberg die In­stitution, die der Herkunft, Entstehung und Erhaltung der gesammelten Stoffe auf den Grund geht. Zum Jubiläum wird diese Hintergrundarbeit in der Sonderausstellung «Spurensuche. Erhalten und Erforschen von Textilien» ins Zentrum gestellt.

Ausblutender Stoff

Dass die Spuren der Sonderausstellung vor allem nach Zentralasien und ins China des 4. Jahrhunderts vor bis ins 11. Jahrhundert nach Christus führen, hat erhaltungstechnische Gründe. Es sind nämlich ausschliesslich Bodenfunde wie Samthosen, ein besticktes Gewand mit Glimmereinlagen, zwei Wollgewänder und monumentale Wandbehänge, die in Riggisberg zu sehen sind.

Die Textilien haben in trockenen Wüstenregionen, geschützt vor Licht, dem Verfall getrotzt. In der Restaurierung werden die Stoffe mit einem Staubsauger in der Grösse eines Kugelschreibers gereinigt. Dabei sei Grundlagenforschung und «experimentelle Archäologie» wichtig, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Catherine Depierraz erläutert: «Bei einem einzigartigen Wandbehang mit Hirschmotiv musste vom Waschen abgesehen werden, der Stoff drohte ‹auszubluten›.» Die Untersuchung habe eine bisher unbekannte Indigofärbetechnik des blauen Seidenfadens ergeben. Eine Studentin hat das Flechtverfahren von mit Seide bezogenem Schuhwerk experimentell rekonstruiert, um den Schuh restaurieren zu können.