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Zur Relevanz des Systems

Weil ein Rennpferd allein nichts ausrichtet. Und weil Kultur auf qualitative Kritik und Kulturjournalismus nicht verzichten kann. Ein Plädoyer. Ein Pferderennen, zu dem nur das Pferd antritt, das ohnehin gewinnt, wäre eine trostlose Sache. So einem Rennen bliebe auch das Publikum fern, es fehlte der Bratwurstduft, die Zuckerwatte. Es gäbe keine Lautsprecher-Ankündigungen, kein Reden und Lachen auf den Sitzrängen. Es bliebe, bis auf das Klopfen der vier Hufe, still.

Darauf werde ich später zurückkommen. Vorerst möchte ich ganz gerne kurz etwas zum Thema Aufmerksamkeit sagen.

Bekanntlich hat Georg Franck schon 1998 in «Ökonomie der Aufmerksamkeit» geschrieben: «Unsere ganze Umwelt mutiert zum Werbeträger.» Ich muss nicht näher ausführen, wie Aufmerksamkeit zu einem Tauschgeschäft geworden ist, und dass sie in der hochtechnisierten Zivilisation einen historisch beispiellosen Aufschwung erlebt hat. Und auch nicht, dass lebendige Aufmerksamkeit als Produktionsfaktor eine knappe Ressource ist und nichts anderes als geistige Arbeit. Nur tut sich die Ökonomie bekanntermassen schwer mit der Entmaterialisierung des Wirtschaftsprozesses, also mit der Anerkennung von geistiger Arbeit.

Ich muss nicht auseinandersetzen, dass die rigorosen Zusammenstreichungen von Stellen bei den Medienhäusern gerade im Kulturbereich desaströse Folgen haben, die für viele Kulturschaffende schon bald und sehr direkt zu spüren sein werden.

Denn dieser unlautere Stellen­abbau in der Kulturberichterstattung bedeutet nämlich nichts anderes, als dass immer weniger Kulturschaffende genug Aufmerksamkeit bekommen, um davon, im wirtschaftlichen und ganz alltäglichen Sinn, leben zu können, oder, mit Franck gesagt: «Wer reich an Beachtung ist, wird allein deswegen reicher; wer arm an Beachtung ist, ist schon deshalb arm an Chancen. Es ist das Prinzip der Kapitalisierung in seiner reinsten Form, das die gesellschaftliche Beachtung im grossen Stil und mit unerbittlicher Effektivität von Arm nach Reich umverteilt.»

Aber weil das alles längst bekannt ist, komme ich nun auf das bereits erwähnte Pferd zurück.

Es rennt also ganz alleine auf seiner Bahn im Kreis, ohne eine Reiterin oder einen Jokey, der das Pferd vom Sulky aus lenken würde. Es laufen keine anderen Pferde mit, und es ist einerlei, ob es nun galoppiert, trabt, töltet, ob es über Hindernisse springt oder einfach so, weil es das kann, in der Ponykategorie mitmischt, ohne die obligatorische Ponymessbescheinigung vorzuweisen.

Und weil es sowieso gewinnt, bleibt auch der Trainer weg, die Besitzerin und die Stallangestellten. Die Veranstalter haben die Rennbahn geöffnet, sind dann aber wieder gegangen, ebenso die Zielrichterin. Eine junge Person stand kurz auf dem Gelände, um Give-aways von einem der Sponsoren zu verteilen, hat dann aber nicht nur kalte Hände, sondern auch kalte Füsse gekriegt und ist ebenfalls nach Hause gegangen.

Das Publikum ist ausgeblieben – bis auf zwei kleine, enttäuschte Mädchen, die so gerne Pferde haben, deren Eltern sich aber niemals eines leisten können.

Der Livestream kann von zu Hause aus verfolgt werden, und an der Wette kann man sich online beteiligen, was aber kaum jemand tut, denn die Platzwette kommt nicht in Frage, und wer wettet in so einem Fall schon auf Sieg.

Die nach der letzten Runde automatisch generierte Medienmitteilung der Veranstalter aber schlägt einen frenetischen Ton an und wird weit über die Landesgrenzen hinaus in allen möglichen Mantelzeitungen abgedruckt.

So weit diese kleine Fantasiereise. Ich möchte aber noch einen realen Fall aus der Kulturberichterstattung schildern, genauer, aus dem Literaturbetrieb. Im vergangenen Frühjahr wurde im Feuilleton intensivst über schlechte Gedichte gestritten. Das könnte durchaus spannend sein: Lyrikkritik!

Nur: Es hat sich um schlechte Gedichte eines einzigen, dafür aber prominenten Mannes gehandelt, der in regelmässigen Abständen schlechte Gedichte publiziert. Die Gedichte waren aber nicht nur aus literaturwissenschaftlicher Sicht schlecht, sondern auch inhaltlich bedenklich: Ein Mann hat sein Ergötzen an einer Vergewaltigungsfantasie.

Vieles an der daraus resultierenden Debatte war befremdlich. So sprach ein Redakteur von einem «Vergewaltigungsvorwurf», an anderer Stelle wurden Literaten, die sich über den Inhalt der Gedichte empört hatten, lächerlich gemacht, ausgerechnet mit dem hämischen Satz: «Beschränkt sich ihre kulturelle Teilhabe auf das Lesen von Lyrikbändchen?» Davon, wie auf feministische Stellungnahmen reagiert wurde, muss ich nichts sagen, dieses Muster ist altbekannt.

Kurzgefasst: im (renommierten!) Massenfeuilleton waren Überschriften zu lesen wie: «Vergewaltigung, mal lyrisch». Der Verfasser der Gedichte wurde als «ein genauer Beobachter des Wesentlichen» bezeichnet. Und ein Rezensent fragte sich: «Neckt er das Feuilleton?»

Ja, das tat er, und das Feuilleton fiel zum wiederholten Mal darauf hinein. Und über dieser Neckerei hat das Feuilleton einmal mehr vergessen, dass es auch andere Lyrik gibt, die man besprechen könnte. Gute Gedichte.

Ich habe gelesen, dass ein Pferd eine Million zum Bruttosozialprodukt des Landes beiträgt. Peter Bichsel wiederum behauptet, dass das Bruttosozialprodukt um dreissig Prozent sinken würde, wenn die Leseförderung erfolgreich wäre, weil Lesen und Schreiben nicht nützlich sei. Natürlich sind Schriftstellerinnen keine Pferde, und ich habe nicht vor, zu erklären, warum Kunst und Literatur nützlich sind, und warum geistige Arbeit Anerkennung braucht, idealerweise ökonomisch manifestierte Anerkennung.

Was ich aber vorhabe, ist, einen Vorschlag zu machen. Mehr noch: Ich fordere auf, zu handeln, und ich werde, spätestens in einem Jahr, nachfragen, was aus der Aufforderung geworden ist.

Denn es geht nicht nur um das ungleiche Einkommen von Lyrikern. Und wir müssen nicht alle unnötigen Debatten stummschalten.

Aber es geht darum, dass dem Publikum nicht die immer gleichen Gerichte vorgesetzt werden sollen, denn das Publikum ist, um nochmals ökonomische Begriffe zu nutzen, die eigentliche Ressource; seine Aufmerksamkeit ist geistige Arbeit und Bestandteil des gesamten Systems, das es zu erhalten gilt.

Konkret: es muss verhindert werden, dass die Literaturkritik weiterhin durch Abbau und Klickzahlenkultur entwertet wird.

Aus diesen Gründen fordere ich Sie auf, einen neuen Preis auszuloben: einen unabhängigen, alljährlichen Preis für Literaturkritik.

Gern skizziere ich, wie dieser aussehen könnte: Bewerben können sich Literaturkritikerinnen, die sich mit in der Schweiz produzierter Literatur beschäftigen. Der Preis soll offen sein für Literaturkritiker aus dem Ausland, wenn wir die schweizweit bekannte «In-Group-Communication» vermeiden wollen. Und wenn das ausländische Feuilleton auch darüber berichten soll.

Sehr wichtig ist, genau zu überlegen, wie mit unserer Vielsprachigkeit umgegangen wird.
 
Der Preis muss des Weiteren in Unabhängigkeit zu sämtlichen Medien stehen.

Bezüglich der Höhe des Preises bitte ich Sie, über die Bücher zu gehen, er soll anständig dotiert sein, mit mindestens 20 000 Franken.

Zum Hauptpreis kommt ein zweiter Preis dazu, der mit mindestens 10 000 dotiert ist, und er geht an einen Blogger, einen Podcast, eine junge Literaturkritikerin. Der Inhalt dieser Produktionen wäre nicht an Landesgrenzen gebunden, nur müsste die Preisträgerin vor allem in der Schweiz leben.

Die Administration sollte über eine unabhängige Institution laufen, welche die Abläufe und genaue Ausgestaltung – wie etwa die Konstitution einer unabhängigen Jury – mit den Stiftungen, von welchen der Preis getragen wird, plant und koordiniert.

Ich bin überzeugt, die Literaturkritik wird so rasch attraktiver. Und damit meine ich nicht, dass es ausschliesslich positive Besprechungen geben soll. Sondern genauere, gewagtere. Ich glaube, durch diese Wertschätzung würde die Literaturkritik an Qualität gewinnen, und es gäbe einen Anreiz mehr, nicht über die Frisuren der Autorinnen zu schreiben.

Und ich bin sicher, dass der Schweizer Literatur in ihrer Vielfalt auch im Ausland mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.

Denn wenn wir die Kultur erhalten wollen, dann müssen wir auch die Rezensionskultur pflegen, dann müssen wir anerkennen, dass diese geistige Arbeit Grundlage einer funktionierenden Kulturlandschaft ist.

Und wenn ich hier aus dem Bereich der Literatur und von der Notwendigkeit der Aufwertung von Literaturkritik spreche, so ist es mir wichtig, zu betonen, dass das Prinzip auf andere Kunstgattungen übertragbar ist, dass analoge Formate geschaffen werden sollen.

Sollten Sie nun gegenüber einem Literaturkritikpreis noch Bedenken haben, dann denken sie einfach nochmals an das Pferd. Es ist das schnellste, stärkste und schönste Pferd. Aber es ist allein. Das Preisgeld streicht die Besitzerin ein, vom Medienrummel kriegt kaum jemand etwas mit, das Publikum weiss ja, wie das Rennen ausgegangen ist.

Das Pferd steht nach dem Rennen noch eine Weile auf der Rennbahn herum, dann frisst es das Gras, das dort wächst, und trabt schliesslich davon, über die Hügel, bis man es nicht mehr sieht.

Die Autorin und Literaturvermitt­lerin hätte die Rede anlässlich der (abgesagten) Fachtagung «Kulturberichterstattung in der Krise» von Swissfoundations vorgetragen.

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