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Camenisch zeigt seine Vorliebe für Bündner Geschichten und die Institution Kiosk.© Janosch Abel
Wagen zum Glück, Worblaufen

Zeitkapsel mit Leuchtreklame

«Goldene Jahre», das neue Buch von Arno Camenisch erzählt mit bildhafter Sprache die Geschichte von Rosa-Maria und Margrit und deren Kiosk.

«Eine ganze Epoche ist das, sagt die Margrit, und eben einen Monat nach der Mondlandung sind wir an den Strom gegangen mit unserem Raumschiff», damit meint Margrit den Kiosk, den sie mit Rosa-Maria seit 51 Jahren betreibt, einer der besonderen Sorte, mit Leuchtreklame und Zapfsäule. Während die beiden den Kiosk am Morgen herrichten, die Leuchtreklame einschalten, mit einem Lumpen über die Glasscheibe wischen und die Zückerli vor die Scheibe auf die Ablage stellen, dort gehören sie nämlich hin, erzählen sie sehr assoziativ von ihren Kunden. Obwohl man nicht viel über die beiden Hauptfiguren erfährt, hat man doch das Gefühl sie über ihre Dialoge und bildhaften Geschichten ein wenig kennenzulernen.

Arno Camenisch zeichnet damit in seinem neuen Buch «Goldene Jahre» einmal mehr mit starker Beobachtungsgabe die sich wandelnde Lebenswelt eines Dorfes im Graubünden und deren Bewohnenden. In deren Zentrum der Kiosk, und Margrit und Rosa-Maria, die sich immer wieder die Brille mit Goldrand hochschiebt.

Mondlandung und Elektrovelo

Margrit und Rosa-Maria erinnern sich an vergangene Kiosk-Zeiten und greifen dabei wie zufällig Gesprächsthemen auf, die sich fortan wie ein roter Faden von einer zur nächsten Geschichte weiterspinnen und die sehr viel mit der heutigen Zeit zu tun haben: Die Mondlandung und der Valentin, der doch ums «hundsverräcka» im wichtigsten Moment in der Menschheits­geschichte auf die Toilette musste und es auch verpasst hat, mit der guten Vreni unter die Haube zu kommen. Weiter gehts zur Tour de Suisse, den Elektrovelos, der Prominenz und der «Glacé-Raketa» die im Kiosk aus Prinzip nicht über eins fünfzig geht. Aber besonders angetan haben es ihnen die Liebschaften im Dorf, denn «da haben sich noch einige die Finger verbrannt mit der Amore, die ist nämlich gefährlich wia schuscht nüt», halten sie fest.

Es bleibt die Vergänglichkeit

Die dialektalen Einsprengsel aus dem Bündnerdeutsch oder dem Rätoromanischen lassen die Dialoge von Rosa-Maria und Margrit sehr lebhaft und liebevoll erscheinen. Gerne möchte man sich zu ihnen in den Kiosk set­zten, den Witz und die Wärme der beiden spüren und von dem feinen Zitronecake essen, den Margrit mitgebracht hat. Zusammen unter der Leuchtreklame plaudern. «Solange wir so gut in Schuss sind, kann es rundherum toben und stürmen, wie es will, das hält uns nicht auf.»

Als Rosa-Maria und Margrit am Ende des rund 100-seitigen Buches vor dem Kiosk stehen, kommt etwas Nostalgie auf. Die Erde scheint sich um den Fixpunkt Kiosk zu drehen, der die Goldenen Jahre längst hinter sich gelassen hat. Und doch ist er für die beiden Alten ein Anker in der schnelllebigen und vergänglichen Gesellschaft. Wie eine kleine Zeitkapsel mit Leuchtreklame steht der Kiosk im Gewusel der Zeit und bewahrt ein Stück Dorfkultur.

Arno Camenisch
«Goldene Jahre», 2020
Engeler Verlag
www.arnocamenisch.ch

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