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Svenja Gräfen beschreibt in «Freiraum» eine gescheiterte Utopie.© Constantin Timm 2018
Diverse Orte, Thun

Wie wir leben wollen

Wie viel Freiraum erträgt der Mensch? Wenn progressive Wohnutopien und Lebensentwürfe unglücklich machen: Svenja Gräfen und Kristin Höller lesen am Thuner Literaturfestival Literaare aus ihren Romanen.

 

Sie sind tolerant, essen nur Bio direkt vom Hof, und wenn Fleisch, dann nur von «glücklichen Tieren», sie enervieren sich über wuchernde Mietpreise, kämpfen für günstigen Wohnraum, geben Achtsamkeitskurse und «jobben» beim Theater. Gegen die Figuren in Svenja Gräfens fein gestricktem Roman «Freiraum», aus dem sie am Thuner Literaturfestival Literaare liest, gibt es nichts einzuwenden.

Im Zentrum stehen Maren und Vela. Glücklich verliebt, planen sie mit einem Samenspender aus Dänemark schwanger zu werden. Der Moment für einen Umzug von der stressigen Stadt aufs Land kommt also genau richtig. Von der Bruchbude in ein Haus mit Garten. Von der Zweisamkeit in eine Art Erwachsenen-WG, eine «Oase inmitten vom Kapitalismus», «So etwas wie eine Kommune, wobei wir lieber sagen: Wir sind eine Gemeinschaft», wie ein Mitbewohner es umschreibt. «Ein Ort, an dem es um mehr geht als um so ein Nebeneinanderher», wo es keine Rolle spielt, «wer jetzt wie viel verdient» und die anderen immer als «Backup» da sind. Alle helfen im Haushalt und schauen zur kleinen Eli, der Tochter von Marens Schwester Jo, die auch dort wohnt. Paradiesische Zustände also. Wieso nur beschleicht «Zweifelvela», die Grüblerin, schon kurz nachdem sie und die restlos begeisterte Maren eingezogen sind ein ungutes Gefühl? Etwas ist ihr «nicht geheuer». Vor allem der charismatische Theo, der die Fäden in den Händen hält, ist ihr suspekt.

Ambivalentes Bild einer Generation

Das titelgebende Wort Freiraum fällt immer wieder, sei es in Bezug auf Beziehungen, auf Jobs oder Wohn­situationen. Aber was, wenn es plötzlich zu viel Freiheit gibt? Gräfen zeichnet in ihrem mitreissend erzählten Zweitling ein ambivalentes Bild ihrer Generation und wechselt gekonnt zwischen den Momenten des Kennenlernens der beiden Frauen und der aktuellen Lebenssituation auf dem Land. Das Hochgefühl des Frischverliebtseins mischt sich mit der Ernüchterung der Gegenwart.

Auf dem Diamantcollier spazieren

Auch Kristin Höller befasst sich in «Schöner als überall» mit Lebens­entwürfen in der Stadt und auf dem Land. Martin und sein bester Freund Noah fahren nach einer durchzechten Nacht von München in das Provinzkaff ihrer Kindheit: «Der Ort hier fühlt sich auch an wie das Ende der Welt, jetzt und jedes Mal, wenn ich zurückkomme.» Und über das Leben in der Grossstadt meint der Protagonist lakonisch: «Fischgrätparkett in München, das ist quasi wie ein Diamantencollier, auf dem man jeden Tag herumspaziert, also einfach ehrlich unbezahlbar.»

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