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Reporterin Aline Wüst hat das Tabu Prostitution aus allen Perspektiven betrachtet.© Tom Haller
Ono das Kulturlokal, Bern

Wenn die unsichtbare Mauer fällt

Sie hat sich mit viel Feingefühl an ein Tabuthema heran­getastet und sowohl Prostituierten als auch Freiern ­zugehört: Die Journalistin Aline Wüst stellt ihr Buch «Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz» im Ono vor.

Was geschieht hinter den rot beleuchteten Fenstern an der Zürcher Lang­strasse oder in anderen Rotlichtmilieus in der Schweiz? Das wollte die Journalistin Aline Wüst, die als Reporterin beim «SonntagsBlick» arbeitet, herausfinden. Für ihr Buch «Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz» führte sie ausführliche Gespräche mit Prostituierten, Freiern, einer «Puffmutter», aber auch mit dem Milieu­anwalt Valentin Landmann, der Gynäkologin eines Ambulatoriums oder einem Psychiater. Die Autorin verbringt viel Zeit im Bordell, ist dabei, wenn die Frauen auf die Freier warten, die sich eine Frau auswählen, ist dabei, wenn die nicht Auserwählten ­wieder in ihre Schlabberklamotten schlüpfen und sich durch Instagram scrollen – bis es das nächste Mal klingelt. Sie reist mit einer der Frauen in deren Heimat in Bulgarien, wo der kleine Sohn seine in der Schweiz arbeitende Mutter nicht mehr erkennt, besucht ein Schutzhaus für ausgebeutete Frauen in Rumänien oder sitzt mit zwei Freiern in einer Bar am Strassenstrich, die auch mal 10 000 Franken in zehn Monaten für Sex ausgeben.

«Prostitution ist eine Sucht»

Das filmisch geschriebene Reportagenbuch über das Rotlichtmilieu lebt von der Nähe zu den Porträtierten, dem Vertrauen, das die Autorin sich über zwei Jahre aufgebaut hat. Nicht zu fordern, sondern zu warten «auf die Momente, in denen die unsichtbare Mauer fällt» und die Frauen erzählen, das habe sie während ihrer Recherche gelernt, sagt Wüst. «Jedes Mal gebe ich ein Stück von mir. Von meiner Seele. Irgendwann wird es leer sein in mir», sagt eine, oder: «Prostitution ist eine Sucht. Es ist wie mit Zigaretten. Die erste, die du in deinem Leben rauchst, ist schrecklich. Doch du rauchst trotzdem noch eine und noch eine. Und dann kommst du nicht mehr davon los.» – «Es ist wie eine Krankheit, dass man immer wieder geht», sagt ein Freier. Die «Puffmutter» bezeichnet die Arbeit der Prostituierten als «Pflaster» für die nach Liebe dürstenden Männer: «Wirkt sofort und ist besser als nichts». Als «Win-win-Situation» bezeichnet es ein Freier: «Menschen mit Bindungsschwierigkeiten wie ich bekommen Sex. Und diese Frauen eine Perspektive.»

Unterbrochen werden die Gespräche und Begegnungen von Auflistungen erschreckender Fakten: Wie viele Prostituierte Migrantinnen sind (zwischen 75 und 90 %), welche Beträge im Sexgewerbe jährlich umgesetzt werden (zwischen 0,5 und 3,5 Milliarden) oder auf welch grässliche Weise Prostituierte in der Schweiz immer wieder von ihren Freiern ermordet werden.

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