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Martin Bieri ist ein Sulgenbachkind.© Adrian Moser

Von vergessenen Helden und versteckten Gewässern

Er schreibt über Dinge, die nicht sichtbar, aber trotzdem da sind. Ein Bach, eine Revolution, ein Theaterstück. Martin Bieri spaziert mit «Henzi Sulgenbach» einem verschwundenen Wässerchen entlang und haucht einer Geschichte neues Leben ein.

Der Held ist tot. Die Revolution missglückt. Der Bach überbaut. Das Dorf des 18. Jahrhunderts wurde zum Stadtteil des Heute. Und Lessing scheiterte, als er all dies zu einem Drama schreiben wollte. Damals. Nun bringt der Berner Martin Bieri alles ins Jetzt.

Paradoxerweise genau in diese Zeit, wo man so sehr auf sich selbst zurückgeworfen wird, in diese Zeit, in welcher viele nicht wissen, wie sie den Tag rum bringen sollen, und in welcher neben allem anderen auch die Lesungen abgesagt wurden – kurz davor jedoch erschien ein Büchlein, das passender nicht sein könnte für dieses Jetzt. Ein Büchlein, das Zeit und Raum beansprucht. Ein Werk, in das man eintauchen muss.

Der Beobachter

Denn der Berner Theaterautor, Dramaturg, Lyriker und Journalist Bieri nimmt einen in «Henzi Sulgenbach: Ein Lessing-Implantat» im besten Falle sowohl auf eine innere, wie auf eine äussere Reise mit. Knappe 100 Seiten lang ist sein neustes Werk, doch sind diese dicht an Information über Raum und Zeit, Geografie und Historie. Man braucht Geduld und Konzentration, um sich durch das Werk zu lesen. Denn Bieri schaut genau hin bei seiner «beobachtenden Begehung des Sulgenbachs» und lässt Sprache, Ort und Geschehenes ineinander fliessen. So lädt dieser Text zu einem historischen und topografischen Spaziergang anhand der Lektüre ein, am Bach entlang, auch da, wo er unsichtbar ist.

Samuel Henzi war der erfolglose Revolutionär, wollte 1749 das Berner Patriarchat stürzen, wurde verraten und geköpft. Zusammen mit seinen Mitstreitern traf er sich damals am Giessereiweg am Sulgenbach zur «Henzi-Verschwörung». An dem Bach, der heute nur noch von Kühlewil bis Köniz vor sich hin plätschert und ab Bern stumm und vergessen im Untergrund fliesst, durch die Sulgenau, bis er im Marzili in die Aare mündet.

Der Wissenschaftler

Bieri, ein Sulgenbachquartierkind, erschuf mit seinem neuesten Werk eine Miniatürstudie seines Heimatgewässers und der dazugehörenden Geschichte. Doch ist es weit mehr als eine nostalgische Hommage. So nennt er selber seinen Text eine «spaziergangswissenschaftliche Phänomenologie» – und das Literaturverzeichnis kurz vor dem hinteren Buchdeckel gleicht auch eher dem einer wissenschaftlichen Arbeit.

Wissenschaftlich sind auch die mal hydrologischen, mal topografischen, mal chemischen hieroglyphisch anmutenden Anmerkungen auf jeder einzelnen Seite. Diese stehen als eine von drei Sprachebenen neben Lessings unvollendetem Originaldramentext und Bieris lyrischer Weiterentwicklung des Stoffes. Er bedient sich nämlich gänzlich dem gescheiterten Theaterstück «Samuel Henzi» aus demselben Jahr wie die ebenso gescheiterte Revolution, implantiert dieses kühn in sein Sulgenbachwerk und stockt Lessings Henzi-Fragment bestehend aus 32 166 Zeichen mit dem eigenen Text auf deren 109 804 - was der durchschnittlichen Länge eines Lessing-Dramas entspricht. Auch hier, eine recht wissenschaftliche Herangehensweise um diese «Lücke zu füllen».

Und ist schliesslich die Quarantäne mit Lesen und Nachspazieren noch nicht zu Ende, lädt der Autor mit diesen Angaben ja förmlich zu einem Zeichennachzählen ein.

Martin Bieri «Henzi Sulgenbach», 2020
Edition Taberna Kritika
www.etkbooks.com

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