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«Mich beeindrucken die jungen Menschen, die entschlossen sind, den Alten zu helfen.»© ZVG
Berner Münster

«Viele haben jetzt das Bedürfnis nach einem Gespräch»

Beat Allemand ist Pfarrer im Berner Münster. Im Interview spricht er über die Heraus­forderungen, vor denen die Kirche wegen des Coronavirus steht, und darüber, was die Menschen, die Seelsorge in Anspruch nehmen, zurzeit beschäftigt.

Beat Allemand, was bedeutet das Veranstaltungsverbot für die Kirchgemeinden?
Für uns ist es eine eigenartige Situation. Die Kirche hat die Aufgabe, die Gemeinschaft zu fördern. Etwa mit Gottesdiensten, Erwachsenenbildung, Angeboten für Senioren, Familien und Kinder. Da diese jetzt ausfallen, sind wir in unserem Aufgabenkern betroffen. Nun sind wir gefordert, andere Formen zu finden, um die Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Ich merke zum Beispiel, wie Leute sich freuen, wenn sie angerufen werden. Wenn jemand an sie denkt und fragt, wie es ihnen geht.

Sie verbringen jetzt also viel Zeit am Telefon.
Ja, mit Hausbesuchen ist es im Moment schwierig. Wir haben all unseren Gemeindemitgliedern, die über 65 Jahre alt sind, eine Karte mit den Telefonnummern des Münsterteams geschickt. Die Sozialdiakonie übernimmt eine wichtige Aufgabe. Sie fragt nach, ob jemand Hilfe bei Einkäufen oder eine Begleitung zur Apotheke benötigt. Wir haben im Münster auch eine Person, die für die Seniorenarbeit zuständig ist.

Nehmen nur aktive Kirchgängerinnen und Kirchgänger die Seelsorge in Anspruch?
Es gibt eine Kerngruppe, die regelmässig an unseren Veranstaltungen teilnimmt. Die kennen wir gut. Wir können sie kontaktieren. Es gibt aber viele, die wir nicht kennen. Ich denke, für diese Menschen braucht es mehr Überwindung, sich zu melden. Mich plagt am meisten die Frage, wie wir Seelsorger den Menschen Nähe vermitteln können – obwohl die Pandemie das genaue Gegenteil verlangt. Was bedeutet es, mit Vorsichtsmassnahmen zu leben? Wie wirkt sich das Coronavirus auf unsere Gesellschaft aus?

Was bereitet den Menschen jetzt Sorgen?
Vor allem Ältere und Alleinstehende können vereinsamen. Bei anderen fehlt plötzlich das Einkommen, wieder andere müssen neben der Arbeit noch die Kinder betreuen. Die Ungewissheit, das, was durch diese Corona­-Krise noch auf uns zukommt, bereitet vielen Menschen Sorgen. Die Nachrichten und Bilder aus Italien und anderen Ländern sind schwer zu ertragen. Es gibt aber auch viel Solidarität, Mitmenschlichkeit und Kreativität. Die Leute gehen mit dem Coronavirus unterschiedlich um. Mich beeindrucken die jungen Menschen, die jetzt fest entschlossen sind, den Alten und Kranken zu helfen.

Die Seelsorge ist momentan also mit vielen einsamen Menschen beschäftigt.
Nicht nur. Ich habe auch Kontakte mit Familien und freischaffenden Künstlern, bei denen die geplanten Projekte plötzlich weggefallen sind. Da ist eine grosse Ungewissheit und Verunsicherung. Hier muss sich die Kirche solidarisch und grosszügig zeigen. Und dann gibt es eben ältere Menschen, die wenig soziale Kontakte haben, die jetzt vielleicht ihre Kinder und Enkelkinder nicht sehen können. Menschen, die alleine sind. Sie müssen mit jemandem reden können. Viele haben das Bedürfnis nach einem Gespräch. Die Dargebotene Hand erhält zurzeit viele Anrufe von Menschen, die über Sorgen rund um das Coronavirus reden wollen.

Das Coronavirus macht nicht nur während des Lockdowns einsam. Auch die Krankheit und der Tod können es sein.
Ja, und die Angst davor ist auch verständlich. Dieses einsame Sterben, von dem wir aus den Krankenhäusern in Italien gehört haben, ist furchtbar. Niemand will alleine in der Quarantäne sterben. Bei uns ist die Situation zum Glück anders. Aber die Tatsache, dass wir im Moment keine Besuche in Altersheimen und Spitälern machen dürfen, ist schwierig. Im Idealfall gehört zum Sterben auch die Möglichkeit, von Angehörigen Abschied nehmen zu können.

Was bedeutet die Situation für Beerdigungen?
Normalerweise mache ich einen Hausbesuch bei den Angehörigen, um etwas über die verstorbene Person zu erfahren. Jetzt müssen wir Formen finden, bei denen die Vorgaben betreffend Abstand und Hygiene eingehalten werden. Wenn noch ein Partner oder eine Partnerin der verstorbenen Person da ist, möchte ich ja niemanden gefährden. Beerdigungen können nur im kleinen Rahmen am Grab stattfinden und Abdankungsfeiern müssen wir auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschieben. Das ist eine sehr schwierige Situation, die Angehörigen bräuchten ein Ritual, um abzuschliessen und Abschied zu nehmen.

Sind Gottesdienste in digitaler Form kein Thema?
Doch, absolut. Wir haben nun Ton­aufnahmen gemacht und überlegen uns, Bildmaterial hinzuzufügen und Videoclips zu gestalten. Gerade in der Osterzeit wollen wir diese einsetzen.

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