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Auch er hält sich oft im «Hotel der Zuversicht» auf: Schriftsteller Michael Fehr.© Franco Tettamanti
Dampfzentrale, Bern

«Träumen Sie Ihre Geschichten?»

Im Erzählband «Hotel der Zuversicht» versammelt der Berner Michael Fehr skurrile Erfinder und fliegende Teppiche. An der Taufe in der Dampfzentrale bringt er sie mit Musiker Janiv Oron in Bild und Ton auf die Bühne.

Michael Fehr, in der Eingangserzählung Ihres Bandes findet sich ein einfacher Mann auf einem blauen Fliesenboden wieder und fühlt sich einfach glücklich, auch wenn er nicht weiss, warum und wo er eigentlich genau ist. Sie nennen die Geschichte wie den Ort «Hotel der Zuversicht». Waren Sie dort auch selber schon mal?
Michael Fehr: Die ganze Zeit! An diesem Ort zu sein ist lebenswichtig, weil er es erst ermöglicht, zu existieren. So wie der einfache Mann sind wir existenziell permanent in der Lage, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Das kann schlimm sein. Oder eben auch nicht. Der Mann könnte sich ängstigen. Tut er aber nicht. Er lässt sich vielmehr darauf ein. Und spürt, dass der Ort Zuversicht verströmt. 

Ihre kurzen Geschichten sind voller surrealer Situationen: Da wartet ein fliegender Teppich, da finden sich Mutter und Tochter vor einem Schrank, in dem rätselhaftes geschieht, skurrile Erfinder und wankelmütige Musiker tauchen auf. Das Gefühl, das sich beim Lesen einstellt, ist ähnlich wie im Traum. Träumen Sie Ihre Geschichten?
Tatsächlich kultiviere ich das Träumen als Arbeitsmittel, ganz persönliche Inhalte klammere ich dabei aber aus. Ich verwende einzelne Traum­bilder und entwickle aus ihnen Geschichten. Die Ausgangslage ist dabei rät­selhaft, aber die Protagonist*innen finden sich darin durchaus zurecht. Sie treffen auf Fragen und finden manchmal Antworten. Dabei befinden sich die einzelnen Geschichten imDialog miteinander, manche davon antworten auf Fragen, die eine andere Geschichte aufwirft – oder auch nicht.

Schreiben Sie so etwas wie moderne Märchen?
In einem gewissen Sinne schon. Nicht mit einer konservativen Moral natürlich, aber mit einem gewissen Anspruch an Wahrheit. Die Geschichte darf nicht beliebig sein, sondern sie soll sich beim Lesen kohärent und stimmig anfühlen.

Mir fällt da die Geschichte «Bedrohungslage» ein. Darin verbarrikadiert sich eine Ehefrau aus Angst vor Ausserirdischen im Keller. Das erinnert an die Pandemie. Und auch der Krieg in der Ukraine und die Angst vor dem Angriff klingen an.
Interessanterweise schrieb ich die Geschichte vor über drei Jahren, also noch vor der Pandemie und dem Krieg heute. Aber genau darum geht es: Ich verlasse mich beim Schreiben auf mein Gespür für existenzielle Zustände. Und ich glaube, ich kann meinem Gefühl trauen.

Die Frau und ihr Mann entschliessen sich eines Tages, nach draussen zu gehen, auch wenn jederzeit etwas Schlimmes passieren könnte. Das ist ein richtiges Happy End.
Mir war wichtig, die beiden nicht in der Angst zu belassen, sondern sie aus der Isolation zu befreien. Ich beschreibe nicht nur die Notlage, sondern auch die Rettungslage. Es könnte zwar jederzeit passieren, dass die Ausser­­irdischen wirklich kommen, aber vielleicht eben auch nicht. In dem Sinne korrespondiert die Geschichte mit dem «Hotel der Zuversicht». Auch Schönes kann jeden Moment passieren. Darauf will ich hinaus: Wir brauchen mehr Mut, Vertrauen, Glauben, mehr Neugier auf das Leben, wir müssen mit offenen Augen rausgehen. Gerade weil die Welt ungewiss ist.

Dann erzählen Sie keine Märchen zum Einschlafen, sondern solche zum Aufwachen?
Eigentlich schon. Ich sehe es als meine Aufgabe als Künstler, die Menschen zu ermutigen, auch ihre eigene Fantasie zu aktivieren, sie in der Realität nicht zu verlieren. Denn die Welt ist verrückt, wir müssen ihr Fantasie entgegensetzen. Ein bisschen so, wie das die Held*innen in Märchen tun, die sich auf Abenteuer einlassen. Von daher sind Märchen und Träume so real wie der Alltag. Damit wir eine Chance haben, der ökologischen und den sozialen Krisen sowie den Kriegen zu begegnen, müssen wir wach, mutig und erfinderisch sein.

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