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Urs Mannhart findet im Laufhof auch mal Zeit fürs Kraulen. erreichen.© Gina Folly
Kleine Bühne Progr, Bern

«Lentille blickt mich von allen am längsten an»

Kühe könnten genauso sanftmütig wie kokett sein, sagt Schriftsteller und Bauer Urs Mannhart. Für einen industriellen Grossbetrieb könnte er nie arbeiten. Im Progr liest er aus seinem Essay «Lentille. Aus dem Leben einer Kuh».

Urs Mannhart, wir treffen uns in einem Café in Biel. Sie schrieben in ein Notizbuch, als ich eintraf. Haben Sie heute früh auch schon Kühe gemolken?
Nein – ich bin zwar schon seit 6 Uhr wach, aber der Morgen gehört dem Schreiben. Dann und spätabends ist für mich die beste Zeit dazu. Das erste Melken macht Bauer Michaël ohne mich. Er mag diese Ruhe und das Alleinsein mit seinen sieben Kühen am Anfang des Tages.

Sie sind Bauer und Schriftsteller – wie geht das zusammen?
Das sind in der Tat zwei sehr unterschiedliche Dinge, das Handfeste und das Intellektuelle. Das eine ist aber ein Ausgleich für das andere. Ich möchte keines davon missen.

Sie beginnen Ihr Buch mit der Gebärszene von Lentille. Es ist eine schwierige Geburt, bei der ihr Kalb stirbt. War das auch der Moment, an dem Sie entschieden, diesen Essay zu schreiben?
Das war so. Ich hatte vergangenen November das Angebot vom Verlag bekommen, ein Buch zu schreiben und war freudig nervös. Das Thema Tierhaltung hatte ich bereits im Kopf. Als ich dann bei Lentille in der Abkalbebox stand, gab es keinen Zweifel mehr, wer meine Protagonistin sein würde.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die feingliedrige und sanftmütige Lentille, die vernünftige Leitkuh Galia, die kokette Amina: Die Kühe haben Persönlichkeiten mit Vor­lieben und Macken. Dieser Blick auf Nutztiere ist ungewohnt und erstaunlich. Wie haben Sie zu der Sprache gefunden?
Im Grunde hielt ich einfach fest, was ich beobachtete. Ich vertraute dem, was ich sah und empfand. Als ich neu auf Michaëls Hof war, konnte ich die grauen Tiere kaum auseinanderhalten. Aber nach fünf Tagen, in denen ich half, sie abends im Stall anzubinden, konnte ich alle unterscheiden und lernte sie als Wesen mit sehr eigenständigen und unterschiedlichen Persönlichkeiten kennen. Aber klar, als Mensch komme ich nicht drum herum, die Tiere zu anthropomorphisieren.

Sie schreiben mit grosser Empathie. Und doch legen Sie Hand an, ohne die Tiere um Einwilligung zu bitten. So schildern Sie auch den Widerstand, den die Kälber leisten, wenn Sie sie scheren. Überlegen Sie manchmal, ob es falsch ist, was Sie tun?
Je mehr ich zum Thema Tierethik lese, desto deutlicher frage ich mich, mit welchem Recht wir, als menschliche Tiere, die Freiheiten anderer Tiere beschneiden. Ich sehe es so: Ich gehe eine Art Vertrag mit ihnen ein. Sie geben mir etwas, und ich gebe ihnen etwas zurück.

Was geben wir Menschen ihnen?
Schutz und eine gute Versorgung zum Beispiel. In Freiheit wäre Lentille ziemlich sicher bei der Abkalbung gestorben. Freiheit ist ja nicht unbedingt immer angenehm. Man sollte sie nicht romantisieren. Ich gebe den Tieren aber auch Zuneigung: Ich striegle sie, oder kratze sie an juckenden Stellen, an die sie selber nicht hingelangen. Es gibt auf dem Hof anhängliche Kühe wie Amina, die den Kontakt zu Menschen regelrecht suchen und sich gerne verwöhnen lassen. Andere nicht. Die lasse ich in Ruhe. Michaël hält seine Tiere im Grunde wie Haustiere.

Getötet werden sie aber trotzdem.
Das stimmt. Und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich diese Verantwortung nicht übernehmen, es nicht tun muss. Wenn das Töten auf eine möglichst angstfreie und schmerzarme Weise geschieht, sehe ich darin aber nicht den schwierigsten Aspekt der Tierhaltung.

Sie haben sich im Essay auch mit Massentierhaltung auseinander­gesetzt. Sie beschreiben Grossbetriebe, die Melkroboter einsetzen, und Tiere, die anspruchslos und angstfrei gezüchtet werden. Von der künstlichen Befruchtung, der Ausbeute an Milch bis zur Schlachtung ist alles optimiert. Glauben Sie, dass es den Tieren gut geht?
Schwer zu sagen, ich habe selber nie mit so grossen Tiergruppen gearbeitet. Ich könnte es auch nicht, denn ich brauche diesen Kontakt, dieses Miteinander mit den Tieren. Ich finde es nicht gut, wenn Tiere dem Haltungssystem angepasst werden. Es müsste umgekehrt sein. So ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass intensive Haltung für die Tiere eine Belastung ist. Entzündete Euter, Klauen- und Fruchtbarkeitsprobleme sind ein Dauerthema. Wenn es dann in einem EU-Bericht als okay gilt, wenn «nur» 10 bis 15 Prozent der Tiere an Klauenproblemen leiden, irritiert mich das. Zumal es eher 20 bis 30 Prozent der Tiere sind, die erkranken. Wenn der Mensch mit Tieren Geld verdienen will, so mag das ein legitimes Interesse sein. Die Tiere haben aber auch welche. Und es ist ethisch nicht plausibel zu vertreten, diese zu ignorieren, bloss weil Tiere sich nicht wehren können.

Ihr Buch verkauft sich gut. Noch vor der Vernissage diese Woche geht es in die zweite Auflage. Ende September kommt die Massentierhaltungsinitiative vors Volk. Schrieben Sie den Essay auch im Hinblick auf die Abstimmung?
Überhaupt nicht. Die hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Ich sehe mich zwar manchmal als politischen Schriftsteller, aber Parolen liegen mir nicht. Dennoch entschied ich mit dem Verlag, das Buch bereits im Juli zu veröffentlichen anstatt im Oktober, wie es eigentlich geplant war.

Gerade neulich publizierten Medien Filmmaterial einer Tier­rechtsgruppe aus einer Schweizer Pouletzucht. Die Aufnahmen zeigen, wie Tiere einander verletzen, tottrampeln und sich gegenseitig fressen. Warum sind wir Menschen so gut darin, solche Bilder zu verdrängen?
Wir können gut abstrahieren. Ein Supermarkt hat wenig mit einem Stall zu tun. Wir glauben gerne den Versprechen und Labels auf den Verpackungen. Kommt das Fleisch vakuumverpackt daher, sehen wir das Tier nicht mehr. Und vieles passiert auch mit Sprache. Wir reden von Poulets und nicht von Hühnern, unterscheiden Milchkühe von Mutterkühen, gerade so, als müsste eine Milchkuh nicht erst Mutter werden, ehe sie gemolken werden kann. Das ist perfide.

Je depersonalisierter, desto einfacher, Fleisch zu konsumieren?
Das ist zumindest meine Erfahrung. Eine Weile habe ich auf einem Marktstand Fleisch eines Biobetriebs verkauft. Ich war kein guter Verkäufer. Ich habe gemerkt, dass es nicht gut ankam, wenn ich den Leuten erklärte, wie die Tiere, deren Fleisch sie sich kaufen wollten, hiessen und wie sie lebten.

Essen Sie selber Fleisch?
Nein.

Was haben Sie von den Kühen gelernt?
Mich faszinierte die Langmut der Tiere. Es gibt kaum etwas Friedlicheres als Kühe, die in aller Ruhe wiederkäuen. Als ich den Essay schrieb, 
war Winter, im Laufhof segelten die Schneeflocken umher, und dem Rätischen Grauvieh ist es bei Minustemperaturen pudelwohl. Von daher hatte ich ideale Voraussetzungen, um dieses Gefühl für das Leben im Augenblick mitzuempfinden.

Wie geht es Lentille eigentlich heute?
Sie ist wieder schwanger. Im Oktober wird, wenn alles klappt, ihr Kalb zur Welt kommen. Wenn ich mich jeweils auf der Weide der Herde nähere, schauen die Kühe auf. Habe ich Rüebli dabei, kommen sie auf mich zu. Die kokette Amina und ihre Tochter stehen jeweils am schnellsten vor mir. Lentille blickt mich von allen am längsten an. Ich meine zu erkennen, dass es ihr gut geht. Doch das weiss ich so wenig sicher zu sagen wie ob sie damals um ihr verlorenes Kind trauerte. Es ist für mich als Mensch nicht einfach zu erkennen. Sicher ist für mich nur, dass auch Nutztiere Persönlichkeiten sind – und einen würdevollen Umgang verdienen.

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