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Arnaud Di Clemente von Bee-flat möchte keine Diskriminierung von Sans-Papiers.© Julia Foster

Kultur ohne Hindernisse

Für Sans-Papiers wird kulturelle Teilhabe immer schwieriger. Nebst den finanziellen Schwierigkeiten, die durch Corona noch verschärft wurden, birgt die Ausweispflicht für Kulturveranstaltungen zusätzliche Hindernisse. Kurz die Identitätskarte zu zücken bevor man ans Konzert geht, ist für die meisten Konzertbesuchenden kein Problem – höchstens eine kleine Verzögerung, wenn man sowieso zeitlich knapp dran ist. Doch was, wenn schon der Gedanke daran sich ausweisen zu müssen, Angst bis Panik auslöst? Erst recht, wenn die Daten noch an Ämter weitergereicht werden könnten. Dies trifft auf Personen zu, welche sich ohne eine Aufenthaltsberechtigung in der Schweiz aufhalten – die sogenannten Sans-Papiers. Gemäss Schätzungen des Staatssek­re­tariats für Migration aus dem Jahr 2015 betrifft dies in der Schweiz zwischen 50 000 bis 99 000 Personen, eine Gesellschaftsgruppe, die rechtlich gesehen kein Recht darauf hat hier zu sein und ständig versucht, nicht aufzufallen und anonym zu bleiben. Mit den immer strenger werdenden Massnahmen für Kulturveranstaltungen, neu gilt Ausweispflicht, werden sie einmal mehr ausgeschlossen: von der kulturellen Teilhabe.

Kulturelle Teilhabe für alle

Die Möglichkeit am kulturellen Leben in der Schweiz teilzunehmen sollte für alle Menschen erhalten bleiben – trotz Corona. Vielleicht ist genau dies der Moment, an dem diese Dringlichkeit hervortritt. Auch Veranstaltende reagieren auf diese Problematik: Der Dachstock, der Teil der Reitschule ist, hat bereits kurz nach Einführung der Ausweispflicht reagiert und verzichtet nun bis auf Weiteres auf die Durchführung von Veranstaltungen, bis offene Fragen zum Thema Datenschutz geklärt sind und auch, um Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus vom Veranstaltungs­angebot nicht auszuschliessen.

Auch bei von Bee-flat im Progr ist man sich dieser Problematik bewusst. Hier erhalten Geflüchtete mit und ohne Aufenthaltsbewilligung und Asylsuchende seit mehreren Jahren freien Eintritt für Konzerte sowie ein Gratisgetränk. «Seit Jahren wollen wir bei Bee-flat, dass sich alle Menschen wohlfühlen und keine Diskriminierung stattfindet» sagt Arnaud Di Clemente, künstlerischer Leiter und Mitglied der Geschäftsleitung im Gespräch. «Die Corona-Massnahmen sind natürlich absolut verständlich, gleichzeitig darf aber niemand vergessen werden. Es darf keine Unvereinbarkeit der Corona-Massnahmen und der kulturellen Teilhabe von allen geben», sagt Di Clemente.

Die Stadt als Zufluchtsort

Bereits seit geraumer Zeit zirkuliert weltweit das Konzept der Stadt als Zufluchtsort für irreguläre Migrantinnen und Migranten. In einigen Städten in den USA und Europa gibt es bereits solche «Sanctuary Cities». In solchen Städten werden unterschiedliche Massnahmen umgesetzt zur Unterstützung und zum Schutz von Sans-Papiers. Das Projekt «Züri City Card», eine städtische Identitätskarte, diente auch für Bern als Anstoss und wurde vom Verein «Wir alle sind Bern» aufgegriffen nach dem Motto: «Wer in der Stadt lebt, soll an ihr auch teilhaben dürfen.» In Zürich wartet man nun auf den Vorschlag des Stadtrats, zur Umsetzung der Stadt-ID.

Integration bedeutet auch kulturelle Teilhabe. Wer auf Integration pocht, muss gleichzeitig auch die Möglichkeiten dazu sicherstellen. Mit einer städtischen Identitätskarte, die so gestaltet ist, dass die Angst vor der Auslieferung wegfällt, würde die Angst vor der Ausweispflicht für Kulturveranstaltungen wegfallen, und kulturelle Inklusion und gesundheitlicher Schutz auch für Sans-Papiers würden sich nicht mehr ausschliessen.

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