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Magdalena Nadolska: «Hunger nach Erfahrungen».© Michael Isler

Ist das Kunst oder kann ich das wegklicken?

Woche für Woche stellt die Berner Kultur­agenda zurzeit virtuelle Kulturangebote vor. Während der Kulturjournalist Uwe Mattheiss in der «Taz» fordert, man sollte nicht mehr streamen, sehen Berner Kulturschaffende auch Chancen in der Kunst im Netz, wenn auch nicht unbegrenzte.

«Beobachtet eigentlich jemand, was aus der ganzen schönen Kunst wird, wenn sie in die Körperlosigkeit des digitalen Vakuums entweicht?», fragte Uwe Mattheiss vergangene Woche in der Berliner «Taz» im Artikel «Hört auf zu streamen! Was der Kultur im Netz verloren geht». Theater, Opern und Konzerte, sofern nicht bereits fürs Netz konzipiert, seien nicht dazu gedacht, am Bildschirm konsumiert zu werden, argumentierte Mattheiss. Kultur zu streamen «bis die Router in die Knie gehen», führe am Ende nur dazu, dass sich Künstlerinnen und Künstler noch mehr den gnadenlosen Gesetzen der Aufmerksamkeits-Ökonomie aussetzten, als sie dies sowieso schon tun müssten. Der zugespitzte Kommentar von Mattheiss wurde auch unter Berner Kulturschaffenden eifrig diskutiert.

Die Choreografin und Tänzerin Vera Ilona Stierli findet, dass digitale Plattformen – zum Beispiel für Marketingzwecke – durchaus ihren Nutzen hätten, sie aber deswegen noch lange nicht komplette Tanzstücke nur noch im Netz konsumieren geschweige denn anbieten wolle: «Es fehlt der Raum, die physische Präsenz. Ich persönlich finde es, im Fall von performativer Kunst, meistens nicht spannend, diese Inhalte online zu erleben.» Ein Punkt für Mattheiss also.

Fehlende «Co-Präsenz» im Netz

Der Theaterwissenschaftlerin und Radiofrau Magdalena Nadolska, die auch als Regisseurin und Dramaturgin tätig ist, geht es ähnlich: «Frontal abgefilmte Vorstellungen finde ich nicht interessant. Wenn die Co-Präsenz zwischen Publikum und Schauspielenden schon in den virtuellen Raum verlegt wird, ist es am spannendsten, wenn diese spezielle Situation zum Thema wird und mit den Gesetzen der digitalen Welt gespielt wird.» Dass die momentane Flut von Online-Kunst dazu führen könnte, dass Leute nach der Lockerung der Pandemie-Massnahmen nicht mehr ins Theater gehen, glaubt Nadolska nicht: «Wenn ich im Theater sitze, sehe ich die Person auf der Bühne schwitzen, ich sehe ihre Spucke, es gibt einen Energieaustausch. Wenn ich in ein Museum gehe, spüre ich die besondere Aura eines Kunstwerks. Das kann mir kein Onlineangebot ersetzen. Und ich glaube, je mehr wir digital konsumieren, desto grösser wird der Hunger nach diesen echten Erfahrungen.» Ob und wie kleinere Kulturinstitutionen die Coronavirus-Massnahmen wirtschaftlich verkraften können, um dann wieder im gleichen Mass Tanz, Theater und Musik anzubieten, wird sich wohl noch zeigen.

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