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Von der Insel schreibt Vera Urweider einen Brief an ihren Vater. © Thomas Kromer

Inselpost 8

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

 

Santa Maria, 1.6.2020

Lieber Ätti,

immer wenn wir skypen bin ich fasziniert, dass auf Mammas Tablet nun dieses Kommunikationsmittel installiert ist. Du, der partout kein Handy will, Mamma, die knapp mit ihrem Tastentelefon umgehen kann. Es brauchte eine weltweite Pandemie, einen Lockdown, eine auf einer Insel gestrandete Tochter und eine wohl etwas hartnäckige andere Tochter zu Hause, vielleicht auch drei Enkel in Bern, unbesuchbar, und schwupps, winken wir uns endlich in Echtzeit zu. Alle vorhergehenden Reisen durch Skandinavien, Südost­afrika, Südostasien, mein Jahr in Hamburg, eure Camperreisen, all das reichte nicht.

Kurz vor dem Lockdown, als ich noch viel zu teuer nach Hause telefonierte und es schon keine Flüge mehr in die Schweiz gab, war einer Deiner ersten Sätze: «Wenn du dich wohl fühlst, dann bleib wo du bist und schreib vielleicht ein Buch.» Weisst Du, Ätti, Du kannst ja ein echter Tärrgrind sein. Aber da, da warst Du, und bist es noch, so unglaublich locker. So gelassen. Gleichzeitig auch so voller Vertrauen mir, meinem Instinkt und der Situation gegenüber. Ich erschrak ein bisschen darüber. Und bin Dir unendlich dankbar dafür.

Irgendwann gegen Ende letzten Jahres erinnerte ich mich an eine Aussage von Dir. Du fändest mich eine bemerkenswerte Person, aber irgendwie in die falsche Zeit geboren. Ich würde wohl am besten in die Zwanziger passen. Ich war Teenager damals, irgendwo im Gymer, auf der rastlosen Suche nach mir selbst. Ich glaubte nicht an die Zwanziger. Wir glaubten an die 60er, 70er, an Rock ’n’ Roll, an zu lange Haare und Röcke, an Lederjacke, Schlaghose, Peacezeichen und an Glöckchenketten um die immer blutten Füsse, an freie Liebe und Strassendemos statt Schule. Deine Aussage überforderte mich, prallte ab, und blieb doch irgendwo hängen.

Dezember 2019 also, dachte ich wieder an diesen Satz und daran, dass ja jetzt wieder Zwanziger kämen. Vielleicht unsere Zwanziger. Meine. Und jetzt sind sie da, diese neuen Zwanziger, und alles steht still und ich sitze auf einer Insel. Ich muss innerlich sehr laut lachen, wenn ich mir das vor Augen führe. Anstatt Roaring Twenties eben Coroaning Twenties. Schon seit einem Weilchen verstehe ich, was Du wohl gemeint hattest. Waren diese damaligen Zwanziger doch geprägt von Übermut und Kreativität, von Lebendigkeit und neuer Hoffnung, vom Erstarken der Frauen und gleichzeitig modischer Eleganz. Und trotzdem drehte die Welt damals noch weniger schnell als die heutige bis kurz vor Corona. Diese Schnelligkeit, die mich immerzu schwindelte. Die mich schmerzt. Der ich hinterher renne. Ich bin froh um diese Inselpause.

Du sagtest mir, Du hättest Freude an den Briefen. Schön! Ein Buch hab ich noch nicht geschrieben. Dafür einen Text für das Magazin «Stoff für den Shutdown Vol.3», das diesen Samstag erscheint, einen Tag vor dem Schweizer Vatertag am 7. Juni. Mir war also noch keine Sekunde langweilig zwischen all den Sandkörnern und Reis und Fisch und Reis und Fisch und. Das ist ja ohnehin ein Gefühl, das ich nicht kenne. Ich glaube, ich hab auch Dich noch nie gelangweilt gesehen. War Dir schon mal langweilig? Früher, als Du noch viel zu viel gearbeitet hast, war ja eh keine Zeit dazu.

Aber auch seit der Pensionierung hätt ich das nie beobachtet. Du sitzt oft einfach da, und nicht Duseiende verstehen das manchmal nicht. Du sitzt da. Und denkst.

Ja, uns verbindet wohl mehr als die weiche runde Nase. Ich weiss auch, es würde Dir hier auf den Kapverden gefallen. Du bist ja etwas neidisch, hör ich aus Deinen Zwischentönen. Warm, aber nicht zu heiss. Das Wasser, das Du nicht so gerne magst, weil man nass wird, ist auch warm und streckenweise gäbig flach. Der frische Fisch. Und, ach, die Catxupa, ich weiss immer noch nicht, wie man sie macht. Aber Du sollst jaaa nicht einem Internetrezept glauben, hat man mir gesagt. Das muss man erleben. Nicht erlesen. Und schon gar nicht zu schnell ergoogeln.

Liebe Grüsse von der Insel

Deine Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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