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Erst mal physisch angekommen in Biel: Vera Urweider.© Artjom Avercenko

Inselpost 58

Nach ihrer langen Insolation auf den Kapverden ist sie nun wieder zu Hause – und schreibt Briefe.


Biel, 12.7.2021

 

Liebe Ribanna,

ich bin zu Hause. Physisch. Ich hab mich so auf diesen Moment gefreut, Du erinnerst Dich bestimmt, wie ich Dir auf Sal von «meinem» Biel erzählt habe. Und jetzt bin ich da und gleichzeitig überhaupt nicht. Völlig überfordert und haltlos. In den wenigen Momenten, in welchen ich bislang die Wohnung verliess, schlich ich möglichst unauffällig durch die Strassen. Als ob ich versuchte, erst mal Dinge und Menschen zu sehen, ohne selber gesehen zu werden.

Nachhausekommen ist viel schwieriger, als ich mir das hätte vorstellen können. Es ist sehr schwierig. Verdammt schwierig. Ich bin oft weit gereist und immer nach Hause gekommen. Aber diesmal fühle ich mich leer. Ich versuche zu ordnen. Zu verstehen. Vieles sieht noch ähnlich aus. Menschen auch. Die meisten empfangen mich mir zugewandt, freuen sich, wollen kapverdische Geschichten hören oder von ihrer eigenen Pandemiezeit erzählen. Andere treffe ich zum Kaffee und unsere Freundschaft geht einfach da weiter, wo ich sie Anfang Februar zurückgelassen hatte. Das hilft. Gibt etwas Halt. Anderen war ich wohl zu lange weg.

Ich erinnere mich an unsere Inselgespräche. Wo man überhaupt hinkommt, hingehen kann, wenn man unsere kleine abgeschottete Welt aus Sand, Salz und Meer verlässt. Wie viel Kraft es braucht, diesen Schritt zu gehen, nach so langer Zeit. Dieser Schritt ins vermeintlich Vertraute. Doch zugleich Unbekannte. Nicht zuletzt wegen der Pandemie. Nicht zu wissen, was uns erwartet. Was hat die komische Zeit mit uns gemacht? Mit mir? Mit den mir lieben Menschen zu Hause? Wirst Du, liebe Ribanna, Sal überhaupt jemals verlassen?

Das, was mir in Gedanken an Zuhause, neben Familie und Freunden, Halt gab, war die Wohnung, die ich so liebe, inmitten der Altstadt, mit Freunden im Haus, schräg gegenüber und in der Strasse, mit dem Blick aus dem Fenster auf den kleinen Platz zwischen St. Gervais, Commerce und dem Eingang der Gewölbegalerie, das Plätschern des Brunnenwassers, die Stimmen der Terrassengäste - das kleine Nest, das ich über die ganzen anderthalb Jahre aufrecht erhielt. Nun, endlich zurück, soll ich Ende Sommer raus. Es ist, also würde mir der Boden unter den Füssen weggezogen. Ein Zuhause, das keines mehr ist. Ich werde sehen, wohin es mich treiben wird.

Liebe Grüsse auf die Insel,

Vera Urweider

 

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Nach ihrer langen Insolation auf den Kapverden ist sie nun wieder zu Hause – und schreibt Briefe. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

 

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