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Blick zurück auf Mindelo, Fahrt voraus nach Sal.© Artjom Avercenko

Inselpost 52

Während Vera Urweider auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 31.5.2021

 

Liebe Sibill,

mir wurde zugetragen, Du würdest mich nun schon langsam, aber sicher etwas vermissen. Seit einem Jahr und knapp fünf Monaten haben wir uns nicht mehr gesehen – und vor allem nicht mehr umarmt oder «geguselt» – das ist eine lange Zeit für Schwestern. Wir haben uns auch nicht mehr gestritten oder angeschwiegen. Wir haben schlicht nur kommuniziert und informiert. Mal ein Video, mal ein Foto, mal ein Skype, mal schriftlich und dann mal wieder länger nichts – das ist definitiv zu wenig, für Schwestern.

Du wohnst vorübergehend nicht mehr in Bern. Unterrichtest kein Klavier mehr und trittst nicht mehr mit der Band auf. Du hast Dein Zimmer und Dein Leben für ein Jahr gegen einen Zirkuswagen getauscht und musizierst jetzt im Zirkus Chnopf. Ich weiss all diese Dinge, Du erzähltest, schicktest Bilder. Aber ich spüre sie nicht. Erlebe Dich nicht an Deinem neuen Ort. Noch nicht. Denn ich merkte, es wird Zeit, weiterzuziehen. Weiter, so lange, bis ich irgendwann beim Chnopf ankomme und Dich in der Manege antreffe. Darauf freu ich mich.

Gleichzeitig würde ich hier noch immer nicht weg wollen, das weisst Du ja. Und das weiss vielleicht auch die kapverdische Schiffsgesellschaft. Der Schnelltest negativ, das Ticket zurück nach Sal gekauft, mich von Menschen aus fünf Monaten São Vicente verabschiedet und dann wird ein paar Stunden vor Abfahrt meine Fähre gestrichen. Grund: Die Fahrt lohne sich nicht, zu wenig Passagiere. Es scheint, als käme ich aus dem Gestrandetsein gar nicht mehr raus. «Vagar vagar», wie die Kapverdianerin sagt, «langsam, langsam», werde ich mich also Richtung Norden bewegen. Ein nächster Anlauf ist morgen. Fährt das Schiff, bin ich abends auf Sal, meiner einstigen Isolationsinsel.

Ich hätte mich aufregen können, über die Verspätung. Oder aber freuen, dass ich samstags nochmals ins Fischerdorf Salamansa fahren konnte, zum Kitestrand mit dem Bärenfelsen (der erinnert mich übrigens immer an «unser» Nashorn in Pals), und gestern nochmals zu Betty aufs Land und abends nochmals mit Florian und Artjom zum sonntäglichen Kizomba tanzen im Park aufschlagen konnte. Ich entschied mich für Zweiteres.

Liebe Grüsse von der Insel,

Deine Schwester

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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