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Vera Urweider taucht unter mit Schildkröten.© Florian Rebotier

Inselpost 50

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Liebe Selina, lieber Peter, lieber Benj, liebe Sibill, 
cara Nonna,

sie begleitet mich nun schon das ganze Jahr, die kapverdische Meeresschildkröte. So träge und schüchtern an Land, so elegant fliegend und tanzend im Wasser. Trägt Urgeschichte auf dem Panzer; menschengefährdet; verbotene Nahrung. Touristenmagnet. Ein halbes Jahr ist es nun her, ich hatte gerade halb so viele Briefe wie heute geschrieben. Fünfundzwanzig. Ich war auf Sal, es war Herbst und ich schrieb über meine Arbeit mit der NGO Project Biodiversity. Über die schlüpfenden Minischildkröten mit noch weichem Pänzerchen. Den ganzen Sommer über hatten wir die Muttertiere beim Nisten begleitet.

Vor einem Jahr sass ich an meinem Text «Sandgesang» für das Lockdownmagazin «Stoff für den Shutdown». Ich war bis dahin noch nie einer Meeresschildkröte begegnet. So schrieb ich: «Ich warte auf die Schildkröten, bald legen sie helle Eier in die dunkle Nacht, in einem Monat vielleicht. Oder in zwei. Da, wo der Sand singt.» Ich erinnere mich an Deine entsetzte Frage, liebe Sibill, ob ich tatsächlich noch so lange auf der Insel bleiben würde? Bis die Schildkröten kämen? Du warst die erste Probeleserin, bevor ich «Sandgesang» Dir, lieber Benj, in die Redaktion schickte. Heute schmunzle ich über Dein Entsetzen. Ja, ich blieb. Und sehr bald kommen sie wieder und legen ihre hellen Eier in die dunkle Nacht.

Hier in Mindelo habe ich die Schildkröten manchmal etwas vergessen. Manchmal vergass ich sogar das Meer und den Strand. Das Leben hier ist ein anderes als auf Sal, wo alles direkt am, im und auf dem Wasser spielt. Es ist auch ein anderes als auf Santo Antão, wo Mensch, Tier und Pflanze am Steilhang leben. In Mindelo ist Stadtleben. Und man läuft Gefahr, nicht aus dieser Stadt raus zu gehen. Dabei bietet São Vicente noch so viel mehr. Vorletzten Samstag beispielsweise nahm mich Juliette mit, über zwei Berge nach Calheta. Ein riesiger, leerer Strand, ein verlassenes Steindorf. Blick auf die unbewohnte Insel Santa Luzia. Hier ist meistens niemand.

Und vorgestern, an Deinem 96. Geburtstag, cara Nonna, besuchte ich São Pedro. Ich dachte an Euch zu Hause, wie ihr wohl gerade unsere Veltliner Pizzoccheri verzehrt. Etwas, was ich nun doch zu vermissen beginne. Die Pizzoccheri. Und die verrückte Familiengemeinschaft. Und ganz generell Ättis Küche. Liebe Selina, Du fragtest mich, ob ich nicht doch langsam Heimweh bekäme. Nein. Heimweh nicht. Nur eben so einzelne Dinge ploppen dann und wann auf. Und ja, ich freue mich, wenn ich vielleicht den Sommer in Biel verbringen kann. Und diesmal die Schildkrötendamen wohl ohne mich nisten müssen. Wir werden sehen.

São Pedro also, lieber Peter, ist ein kleines Fischerdorf. Winters optimaler Windsurfstrand. Momentan ist jedoch niemand hier. Sommers ein Schildkrötenniststrand. Hier kümmert sich die NGO Biosfera um deren Schutz. Leider wird nun jedoch São Pedro wegen einer zweischneidigen Attraktion immer bekannter: Schnorcheln mit Schildkröten. Es ist zweifelsohne ein unglaubliches Gefühl, mit diesen Tieren durchs Wasser zu gleiten. Ist man relativ fit und schwimmsicher – wegen der starken Strömung und des ablandigen Windes –, muss man fast nichts tun dafür, einfach nur rausschwimmen. Doch das schlechte Gewissen schwimmt mit. Denn genau das ist ein Problem. Es ist gegen ihre Natur. Meeresschildkröten leben weder in Gruppen noch in Ufernähe, ausser sie sind krank oder von Parasiten befallen. Oder legen Eier. Sie sind hochsensible Einzelgänger, weit draussen im offenen Meer. Doch hier versuchen teils dieselben Menschen, die die Tiere vor der Jagd beschützen, diese mit gezielter Fütterung ganzjährig in der Bucht zu halten. So lässt sich mit Bootstouren für nicht so gute Schwimmer etwas Geld verdienen. Das ist falsch. Denn die Tiere verlieren ihre Schüchternheit. Und sie verlernen zu jagen.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Zum 50. Inselbrief lädt Vera am 
Do., 13.5., und Sa., 15.5. um 19 Uhr zum Zoom-Meeting ein. Wer teilhaben will, schreibt ihr eine Mail:
vera.urweider@gmail.com

 

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