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Urweider unter dem Papaya-Baum.© ZVG

Inselpost 49

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 3.5.2021

 

Liebe Sue,

ich habe ein Sandkorn im Auge. Immer wieder blinzle ich, das Auge tränt und das Schwarz auf Weiss auf dem Bildschirm verschwimmt zu einer undefinierten Wolke; so, wie wenn ein Wassertröpfchen auf ein mit Tinte beschriebenes Blatt fällt. Das untere Augenlid ge­schwollen, strahlt der Schmerz in den Wangenknochen, schleicht sich manchmal sogar ums Auge herum bis zur Augenbraue oder gar weiter hoch. Unglaublich, wie einen ein so winziges Stäubchen doch beeinträch­tigen kann. Es ist schon das zweite Mal, dass ich sowas habe. Gehört wohl zu den Inseln mit unaufhörlichem Wind und viel Sand und Staub.

Ich wollte mich bedanken, liebe Sue, für das wunderbare erste Gespräch, das wir vergangene Woche hatten. Wir sprachen übers Reisen. Übers länger-irgendwo-im-­Ausland-Sein. Übers Dazugehören in der Fremde. Oder eben nicht. Über Cultureclash. Übers Auswandern, Emigrieren, Immigrieren, Expatriieren. Du hattest auch längere Zeit im Ausland gelebt. Ich erinnerte mich an den ersten Gedanken in Nardi Sousas Buch «Gangsta Yogi», als er fragt, warum Immigranten immer die anderen sind? Er ist nicht der erste, der sich diese Fragen stellt. Und ich nicht die letzte. Gerade auf den Kapverden sieht man den Unterschied tagtäglich: Die Kontinentalafrikaner sind Immigranten. Die Europäer Expats. Niemals würde ich Immigrantin genannt. Niemals. Natürlich kann man diese Termini erklären. Expats seien solche, die freiwillig und auf Zeit das Heimatland verlassen, Immigranten jedoch von Armut getrieben und oft unfreiwillig nicht zuhause. Und dennoch: Ex patria heisst schlicht «aus der Heimat raus». Der Etymologie ist es egal, ob jemand glücklich oder unglücklich in der Fremde ist.

Ich kannte Deine Texte aus dem «bref»-Magazin. Du die meinen. Doch wir kannten uns nicht, als Du vor einem Monat die Redaktionsleitung der BKA übernahmst. Ich war sehr gespannt und auch etwas nervös, bin ich ja als freie Journalistin mit einem eingespielten Team vertraut. Was kommt nun? Welche Ideen? Was würde sich ändern? Was bleibt?

Die Briefe. Zumindest so lange, wie ich noch auf den Inseln bin. Glück gehabt, denke ich, denn sie gehören mittlerweile zu meinem ganz persönlichen kapverdischen Dasein dazu. Ich merke, je länger ich hier bin, desto mehr und länger könnte und möchte ich erzählen. Es ist ja schon lange keine einfache Reise mehr. Es ist vielmehr ein Immer-Weiter-Vortasten. Ich merke auch, wie ich, je mehr ich kenne und weiss, noch mehr kennen und wissen möchte. Es gibt noch immer vier Inseln, auf welchen ich noch nicht war. Und jene, die ich kenne, will ich am liebsten bis in jeden Zipfel abwandern. Etwas kürzer sollen sie in Zukunft werden, die Briefe, da Kunst und Kultur im Kanton Bern langsam wieder mehr Platz einnehmen. Im Leben wie auch in der Agenda. Gut so. Ich versuche also, für die Auferstehung der Kultur, kürzer zu werden. Damit kann ich leben, das war sogar einst der Plan. Dass sich die anfängliche Überbrückungsidee dann über ein Jahr und über einen Leitungswechsel hinziehen würde, das hätte damals wirklich niemand gedacht.

Die Schweiz wagt nun also wieder Lockerungsübungen. Hier hingegen sind wir seit Freitag in einem neuen 
Notstand. Wir sind am bisher höchsten Punkt der Pandemie angelangt. Ich ärgere mich, ja. Weil man es kommen sehen konnte. Da hat man doch eigentlich Glück und ist ein Inselstaat. Vor einem Jahr riegelte man alles ab, um sich zu schützen, liess sich finanziell von Europa, Afrika und USA unterstützen. Dann, zu Weihnachten, öffnete man für den Tourismus. Zwar noch zaghaft, aber doch. Ein Versuch. Dann murkste man noch die Wahlen durch vor zwei Wochen, obwohl die Zahlen bereits stiegen. Und jetzt, jetzt ist Sal auf fast vierhundert Fällen. Und wenn ich heute nach Hause kommen wollen würde, müsste ich wieder in Quarantäne. Ich glaube, hier wurde viel falsch gemacht.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

 

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