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Gestrige Wanderung zum einjährigen Kapverdendasein: Zum Leuchtturm Farol de Dona Amélia auf sao Vicente.© Klaus Roselstorfer

Inselpost 40

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 22.2.2021

Lieber Konrad, lieber Raphael, lieber Ädu, lieber Elia, lieber Andreas, liebe Sibill,

in der Nacht von Freitag auf Samstag, genau um zwei Uhr morgens, hab ich mit Arvenschnaps angestossen. Es roch nach Heimat.

Ich bin nun genau ein Jahr und zwei Tage auf den Kapverdischen Inseln. Damals, am 20.2.2020 um zwei Uhr in der Nacht, landete ich in Praia, der Hauptstadt auf der Insel Santiago. Ich kann mich gut an dieses Gefühl erinnern. Voller Vorfreude und Neugierde, auch etwas schlaftrunken, flog ich ja irgendwie durch eine Zeitzone von Casablanca aus, nachdem ich schon eine lange Zug- und Busreise quer durch Marokko hinter mir hatte. Ich wusste, ich wollte nach einem kurzen Schlaf dann als Allererstes zum Leuchtturm, einfach nur, weil er Farol de Dona Maria Pia heisst. So, wie meine Mutter. Bei der Passkontrolle schaute mich die Dame hinter dem Plexiglas müde an und fragte, ob ich schon mal in China gewesen sei. Ein Zucken fuhr mir durch den Körper, ich überlegte einen Sekundenbruchteil, ob Cabo Verde irgendwas Komisches mit China am Laufen hatte, so dass ich besser Nein sagen sollte, da es im aktuellen Pass eh nicht mehr ersichtlich war, aber mir fiel nichts ein und ich sagte Ja. Sie musterte mich, schwieg, blätterte durch meinen Pass und nach einer Weile schob sie die Frage nach: Wann? Winter zweitausendzehn, zweitausendelf. Wortlos bekam ich den kapverdischen Einreisestempel und wurde weitergeschickt.

Erst ein paar Tage später wurde mir klar, was die komische Frage mit China zu bedeuten hatte. Da war irgendwas mit einem Virus, und man wusste nicht so recht, was und kurz darauf war in der Schweiz der erste Fall, von Italien herkommend, wie unsere Eltern und Du, liebe Schwester, mit dem Zug den ganzen Stiefel hoch gen Norden und zu Hause in Quarantäne. Sibill, ihr wart wohl von den ersten Schweizern, die sich zurückziehen mussten. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem Du sagtest, wie aufregend die erste Zugfahrt danach war, von Bern nach Fribourg, zwanzig Minuten Vorfreude, um dort einen Kaffee trinken zu gehen.

Wie absurd mir das schien. Wie absurd Dir das schien. Wie absurd uns allen sowas schien. Und wie absurd normal es heute ist.

Ich erinnere mich auch an ein paar Tage davor, als ich Dir, lieber Raphael, vom Schiff aus zum Geburtstag gratulierte. Auf der Fähre von Frankreich nach Marokko. Dir, Du treuer Freund, der sich immer interessiert erkundigte vor allem auch dann, als es ums Nachhausekommen oder nicht ging. Genau wie ihr, lieber Ädu, lieber Konrad, lieber Elia. Unterstützende Auseinandersetzungen. Überlegungen zu Schreibendem festhalten. Erste Einblicke in mein Tagebuch, das schnell wieder verstummte, weil ich anfing Briefe zu schreiben. Elia, Du schriebst damals: «Wir holen Konzert und Theater nach, wenn der ganze Quark vorbei ist.» Sehr gut. Und Konrad, jetzt hast Du plötzlich einen Bus mit Bett und Kaffeemaschine und besuchst damit immer wieder «mein» Seeland. Ich freu mich auf eine gemeinsame Fahrt. Irgendwann. Im Sommer vielleicht.

Ein Jahr also ist an mir, an uns allen, vorbeigezogen. So richtig schlimm vermissen tu ich noch immer nichts, weil ja zu Hause sowieso alles nicht so ist wie ich es kenne. Also denke ich einfach nicht zu sehr daran und gebe mich noch immer voll dem kapverdischen Leben hin: Die wunderbare Zeitangabe – beispielsweise «nach elf Uhr» - heisst einfach «sicher nicht vor elf Uhr, sondern irgendwann danach». Die noch unbewanderten Pfade. Und drei unbesuchte Inseln. Schritt für Schritt nehme ich mir Zeit, sehr viel Zeit, einfach weiterzuentdecken.

Zurzeit wohne ich auf einem unglaublich schönen, alten Holzschiff. Es liegt seit einem Jahr in Mindelos Marina. Ich fragte den Besitzer, ob er nicht eine Kabine vermieten wolle und schwupp, durfte ich einziehen. Nun ist das Ding auch auf AirBnB auffindbar. So lernte ich die beiden Österreicher Klaus und Gernot kennen, die vor einer Woche hergeflogen sind. Wir wanderten gestern zu meinem Einjährigen wieder zu einem Leuchtturm, zum Farol de Dona Amélia. Von zu Hause brachten sie Arvenschnaps mit, selbst angesetzt; Zirbel, wie sie den Nadelbaum nennen. Dieser Geruch. Ein Kaminfeuer. Mammas Arvenkissen. Eine Winterstube. Oder eben, wie früher bei Dir im Hotel Flüela in Davos, lieber Andreas, die Arvenstube. Solche Kleinigkeiten sind es dann eben doch manchmal, die mich aus meiner kapverdischen Fassung bringen und an zu Hause denken lassen.

Liebe Grüsse von der Insel, Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf den Kapverdischen in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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