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Mit Blick über die Dächer von Mindelo: Vera Urweider.© Mirjam Weber

Inselpost 34

Während Vera Urweider auf den Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Mindelo, 11.1.2021

 

Liebe Eva,

es war Heiligabend, als mich die traurige Botschaft erreichte. Eine Mail meines Vaters, im Anhang Dein Brief und Claudias Todesanzeige. Dazu der kleine warme Satz in der Mail «sie hat dich gemocht». Auf Freunde wartend, um gemeinsam essen zu gehen, verlor ich mich in Gedanken an Deine Schwester. Meine Stimmung wurde nicht mehr weihnachtlich an diesem Abend. Die Freunde redeten viel. Ich blieb still.

Es ist sehr viel passiert in dieser heiligen Jahreswechselzeit. Nach Weihnachten und kurz vor Silvester gab ich meine liebgewonnene Wohnung in Santa Maria auf, brachte einige Dinge bei Freunden unter und wechselte Insel. Wieder nach São Vicente. Wieder nach Mindelo. In die Stadt, die ich seit meinem Besuch im November vermisste und darum besser kennenlernen wollte. Eine Stadt voller Architektur, Geschichte, Kultur. Eine Stadt, in der ich mich glücklich treiben lassen konnte, im November. Und eine Stadt, in der ich mich nun total verlor, im Jahreswechsel. Die Rauhnächte. Sehr anstrengend und dunkel und endlos per se. Kräfteraubend. Und jetzt, raus aus dem Hundertseelenfischerdorf, in welchem ich mich zu Hause fühlte, rein in die Achtzigtausendmenschenstadt. Zum ersten Mal in meinem kapverdischen Dasein war ich so richtig einsam.

Immer wieder war aber Claudia bei mir. Ich dachte daran, dass sie nun nicht mehr ist. Ich sie nicht mehr besuchen kann. Sie nicht mehr kratzig lachen wird. Der zierliche Körper, die schmalen Augen mit dem wachen Blick, die nächtelangen Gespräche, ihre Intelligenz, ihre absolute Coolness. Ich dachte daran, dass ich genau so jemanden jetzt hier brauchen würde. Denn sie war es, die mich in meinen Teenagerjahren oft in dem mir damals so fremden und grossen Zürich empfangen hatte. Ein Teeli oder ein Wein, ein Bettchen, ein Zuhause. Sinologie hatte sie studiert. Bevor ich damals Ende 2010 auf eine erste grössere Reise ging, nach China, mit einem Orchester auf Tournee, verriet sie mir einige Verhaltensregeln der fernen Kultur. Sie lehrte mich chinesisch bis zehn zählen, mit den Fingern einer Hand. Das brauchst Du, sagte sie, auf dem Markt, wenn Du in der einen Hand den Korb hältst und mit der anderen die Anzahl der zu kaufenden Dinge angeben willst. Es funktionierte. Und auch den wichtigsten Satz auf Chinesisch lehrte sie mir: ning bu dong - ich höre Dich, aber ich verstehe Dich nicht.

Irgendwann, alleinstehend und kinderlos, entschied Claudia, sie hätte jetzt genug gearbeitet und segelte davon. Durchs Mittelmeer. Liess sich in Barcelona nieder. Lernte Katalanisch. Blieb ein Jahr, glaub ich, kam irgendwann zurück und schenkte mir ihr Katalanischlehrmittel samt CD. Es sind so einzelne stückweise Erinnerungen, die mich heimsuchen. Der Geburtstag auf irgendeiner Dachterrasse. Die Genossenschaftswohnung im Erismannhof. Der Freund und nächtliche Weindiskussionspartner Max im Parterre. Ihre Besuche an meinen Konzerten. Überhaupt ihr Interesse an mir, bin ich doch die Tochter einer ihrer engsten Schulfreundinnen. Ja, Mamma ist jetzt sehr traurig. Claudia war ihr wichtig.

Weisst Du, liebe Eva - ich kenne Dich bloss von einem Kinderfoto an Claudias Kühlschranktür -, meine Schwester Sibill und ich, wir waren als Kinder sehr fasziniert von Mammas schräger Freundin. Sie rauchte wie eine Dampflok, liebte das Abenteuer und machte eben so komische Dinge wie Chinesisch studieren. Und sie war völlig frei. Eine Frau, klein in der Grösse und gross im Herzen. Stark im Charakter. Im Juli wandte ich mich im 13. Inselbrief auch an sie, dem Brief, den ich an die Familienmitglieder ohne Blutsverwandtschaft schrieb. Ich weiss gar nicht, ob sie ihn je gelesen hatte.

Und wenn ich in den vergangenen Tagen so verloren 
auf der so wunderbaren Dachterrasse mit Blick über die Bucht und die ganze Stadt sass und in den Sonnenuntergang hinter dem Monte Cara starrte, dachte ich an Claudia. Und daran, dass ich doch auch hier eigentlich gar nicht so alleine bin. Ich muss nur raus, in die Stadt. Und sie finden, die Menschen.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf en Kapverden in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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