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Vera Urweider verbringt diese Woche auf der Insel ohne Zeitumstellungsjetlag.© Thomas Kromer

Inselpost 26

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 26.10.2020

Liebe Fiorella, lieber Adrian, lieber Daniel, lieber Dänu,

seit gestern trennen uns wieder nur noch zwei Stunden. Ich hab mich richtig gefreut auf diesen Moment, wenn ihr da ännet den Meeren gen Norden die Zeit umstellt und wir da auf den Inseln einfach weitermachen können wie jeden Tag, ohne Zeitumstellungsjetlag, und ich dann schluss­endlich etwas weniger verschoben in den Arbeitstag ein- und aussteigen kann, skypen zum Beispiel kann ich dann um vier, dann ist bei euch erst sechs und nicht sieben und wenn jemand wirklich früh um acht bloss Zeit hat, dann muss ich nun nicht schon vor fünf aufstehen, oder wenn mir um drei noch was einfällt, sind in der Schweiz noch nicht gerade ganz alle Büros zu. Das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, man kann sich ja anpassen, richten, einstellen – klar, hab ich ja. Aber ich wusste ja schon vom März, wie sehr so eine Stunde mehr auseinander mich manchmal fast zum Stogeln brachte. Das ganze halbe Jahr lang konnt ich mich nicht wirklich dran gewöhnen. Und ich bin nicht alleine damit. Vor ein paar Tagen sagte mir meine Freundin Ribanna lachend, hei, am Wochenende wird in Europa die Zeit wieder normaler, also eine Stunde weniger früh aufstehen und so. Und ich so, ha, das hab ich vorhin auch gerade gedacht.

Doch es war ja nicht bloss die Zeit, die an euch geruckelt hat übers Wochenende. Nein, es gelten auch wieder verschärfte Regeln im Kanton. Gwundrig las ich die Liste, was denn jetzt alles neu ist – nicht mehr als 15 Personen, Bars, Clubs, Museen, Kinos, Theater, alles zu, Gastro-Sperrstunde um 23 Uhr, Masken –, und musste etwas blinzeln, las nochmals, dann merkte ich auf einmal, was ich so komisch fand daran: Ich kenne es nicht anders! Ja wirklich. Seit März, seit ich hier auf meiner Insel sitze, ist das ganz genau so bei uns. Alles zu. Sperrstunde erst 21, mittlerweile 22 Uhr. Masken. Für mich ist das irgendwie längst normal. Ich schluckte leer, als ich das merkte. Als ich merkte, WIE normal es war für mich und wie mich diese verschärften Regeln bei euch also so gar nicht scharf dünkten.

Versteht mich nun ja nicht falsch! Es bricht mir natürlich das Herz, wenn ich die dritte oder vierte Konzertabsagemail bekomme, lieber Daniel. Du, der seit so vielen Jahren so viel Elefantengeduld in Deine wunderbaren klassischen Konzertreihen steckst. Oder als Du, lieber Dänu, auf Facebook das Foto des «letzten Konzertes» gepostet hast, im Le Singe, ach Heimat, die gerade so nicht ist. Die gerade das Leben wieder in die vier eigenen Wände verbannt. Wo führt das hin? Kultur ist Lebenselixier! Umarmung der Seele. Des Geistes. Odem.

Da war doch auch dieser DJ aus Gent, Jef Eagl, der vergangene Woche im Radio erzählte, er habe im letzten halben Jahr mehr Freunde aus der Kultur- und Eventbranche an Suizid als an Corona verloren. 31 an der Zahl. So wie Kultur Lebensodem, also unbedingt notwendig, ist, darf sie jedoch schlicht nicht als selbstverständlich betrachtet werden. Kultur muss erschaffen werden, muss wachsen können. Drückt man auf ihren Kehlkopf, erstickt sie. Und am Ende wir alle mit. Ich hoffe sehr, dass da auf politischer Ebene nun in dieser, eurer, zweiten Welle schnelle und anhaltend unterstützende Lösungen gefunden werden.

Jetzt bin ich abgeschweift. Entschuldigt. Eine verschärfte Regel betrifft ja leider auch euch beide, liebe Fiorella, lieber Adrian, sehr privat. Die 15-Personen-Regel. Ich war so betrübt, als ich feststellen musste, dass ich es schlicht nicht zu eurer Hochzeit schaffe. Das war so mein kleines persönliches Ziel, dass ich zu jener wieder zu Hause bin. Ich hatte dieses Datum, den 30. Oktober, fest im Kopf. Nun findet sie ohne mich statt. Und wohl auch ohne einige andere? Findet ihr Lösungen? Mehrere Räume? Getrennte Tische? Ich werde auf jeden Fall an euch denken, das ist klar. Und ich werde euch umarmen, von weitem, in Gedanken. Und vielleicht anrufen.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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