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Vera Urweider bekommt viele Briefe, während sie auf der nicht mehr Corona-freien Insel sitzt.© Thomas Kromer

Inselpost 22

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 28.9.2020

Liebes Ursi,

vor zehn Tagen flatterte eine Mail von Dir in mein Postfach. Eine Mail aus Bern, mit dem Betreff «Für einmal Biel». Angehängt der Bund-Artikel zu den bevorstehenden Bieler Wahlen, die seit gestern auch schon wieder vorbei sind. Ich hab sie verschlungen Deine Mail, war gerührt. Und musste staunen.

Ich bekomme ja sehr viel Post, Antworten auf meine Briefe, von Menschen, die ich kenne, von anderen, die mich oder meine Familie kennen und noch von anderen, mir unbekannten und ich ihnen auch unbekannt und jeder ist einzigartig und grossartig und so verschieden, einige haben Fragen, andere erzählen von zu Hause, noch andere sagen einfach Danke für die Zeilen. Und zwischen all diesen Mails ist plötzlich die Deine.

Da ist so viel drin, denke ich. Du kennst mich, denke ich. Ich sehe Dich gerade vor mir, wie Du mich, den Kopf leicht zur Seite geneigt, im Garten meiner Eltern stehend oder auf der Walser-Skulptur oder nach einem meiner Konzerte, anschaust und lächelst, schüchtern, zurückhaltend, wie immer und noch immer nach all den 34 Jahren, die Du mich schon begleitest als Mammas enge Freundin. Still. Manchmal etwas unscheinbar sogar. Doch immer wach und aufmerksam. Diese paar Zeilen Mail sind der schriftliche Beweis dafür: Du denkst an meine Präambel, wenn Du den Bund-Biel-Artikel liest. Du schreibst von meinen verschiedenen Heimaten, die ich gesammelt habe, Biel, Hamburg, Berlin, Pals, und davon, dass diese Insel nun eine weitere geworden ist. Du erinnerst Dich an meinen WhatsApp-Status vor einem halben Jahr, als ich hier stecken blieb und wir noch Corona-frei waren und ich «nonchalant schrieb ‹ich glaube, ich bleibe noch ein bisschen›». Du schlägst seither jede Woche die BKA auf und liest meine Briefe, schreibst mir, wie Du mit Spannung mitverfolgst, wie sich diese verändern, die Themen, die Gedanken, wie ich immer mehr in «meine» Insel eintauche. Du fragst Dich, wie lange ich wohl noch bleibe?

Ich weiss es nicht, liebes Ursi, und ich frage mich das manchmal auch. Ich weiss nur, dass ich damals im März zu mir gesagt habe, ich warte einfach, bis die Grenzen wieder öffnen und es normale Flüge gibt. Jetzt haben wir fast Oktober, die Grenzen sind noch immer zu und normale Flüge gibt es keine. Wie lange das noch so bleibt, das weiss keiner. Die Politik sagt seit Juni, bald, in den nächsten Tagen, Wochen, es glaubt niemand mehr irgendwas. Die Menschen warten vor sich hin. Manche besser, manche weniger. Mischa fragt mich, ob ich überwintere? Dennis sagt, man schaue, dass Biel noch Biel sei, wenn ich dann zurückkomme, Jana und Raphael wollen Kaffee trinken. Hotcha fragt, ob ich nur ein T-Shirt habe, Titus fragt überhaupt, wie ich das alles eigentlich bloss mache und Ätti stachelt mich mit irgendwas Fantastischem seiner Kochkünste, hält es mir in die Skype-Kamera.

Ich mag warten ganz gerne. Das verschafft mir irgendwie Zeit. Während man wartet, kann man zum Beispiel ganz gut beobachten. Oder denken. Oder gar die Gedanken sich selbst überlassen und schauen, was dabei rauskommt.

Und dann merke ich, dass ich mich gerade das allererste Mal in meinem Leben frage, wie es wohl mit mir weiter gehe. Überwintere ich tatsächlich hier in der Wärme? Kann ich mir derzeit ein Leben in der Schweiz überhaupt leisten? Corona hat so ziemlich alles kaputt gemacht, worin ich mich bewegte: Die Kultur steht auf dürrem Ast, Aufträge für freie Journalistinnen sind rar, Magazine mussten schliessen, Zeitungen sind dünn und der Winter schliesst auch noch die Sommerterrassen der Restaurants und Bars. Also?

Du beschreibst das genau richtig in Deiner Mail. Ich lebe von Projekt zu Projekt oder von Abenteuer zu Abenteuer, wie Du es nennst. Von Aufgabe zu Aufgabe, von Heraus­ford­erung zu Herausforderung – und das ist genau das, was mir jetzt zu fehlen beginnt. Ich merke, wie ich ein Ziehen habe, etwas Neues brauche. Nicht zwingend der Ort, der ist noch immer gut zu mir. Aber eben, ein Projekt, eine Aufgabe. Strandete ich vor einem halben Jahr auf der Insel, strande ich jetzt langsam in mir selbst.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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