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Vera Urweider mit Arianna Casaburo vor der «Heroi», dem portugiesischen Entdecker-Schiff der Kapverden.© ZVG

Inselpost 20

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 14.9.2020

Lieber Thomas,

ein Jahr ist es schon her, seit unser aller gemeinsames 86-Tage-Robert-Walser-Sculpture-Abenteuer auf dem Bieler Bahnhofplatz zu Ende ging. Eine unglaubliche Zeit. Ich denke an die harzigen Anfänge, jeder war dem anderen fremd, wir kamen aus so unterschiedlichen Ecken des Lebens. Museumsdirektorin. Schriftsteller. Äthiopische Köchinnen. Musiker. Theaterschaffende. Teetrinker. Weintrinker. Raucherinnen. Malende. Schachspielende. Kinderhütende. Vorbeischlendernde. Buchhändlerinnen. Diskutierende. Forscherinnen. Archivare. Spracherfinder. Arabischlehrende. Imlebenverlorene. Kritiker. Staunende. Nichtverstehende. Überraschte. Anderssprachige.

Es hat geknallt. Zwischenmenschlich. Es hat gebrannt. Wortwörtlich. Und die Hitze erschlug uns manchmal fast. Doch Du hast nie aufgehört, da zu sein, auf unserer Walser-Insel aus Holz und Klebeband. Jeden Tag. Von zehn bis zehn. Wurdest dünner und dünner. Und müder. Du hast es durchgezogen. Und auf einmal, irgendwann, zogen wir mit. So möchte ich Dir nun von einem Strassenkunstprojekt hier in Santa Maria erzählen. So unterschiedlich es zu unserer Walser Sculpture ist, so manche Parallelen springen mir ins Auge und berühren mich sondergleichen.

Arianna, Napolitana, Graffitikünstlerin, lange Zeit im Londoner Underground lebend, dementsprechend klischeehaft Tattoos auf dem ganzen Körper, Designerin, Kitelehrerin, gestrandet. Aus dem Nichts hat sie diesen Sommer zusammen mit dem Salenser Victor das Projekt «Arte d’Zona» aus dem Boden gestampft. Begonnen hatte es mit einem abgelegenen Container, auf welchen sie einen Wal malte und so ihre eingeschlafene Freude an der Wandmalerei wiederentdeckte. Ein zweiter, zentral gelegener Container folgte, mit einer Qualle. Und vielen staunenden Augen. Ab da wusste sie, dass es funktionieren kann. Das Miteinbeziehen aller, die wollen.

Gemeinsam mit der Camara Municipal entschied sie sich für die einstmals schönste und wichtigste Strasse Santa Marias. Die erste befahrbare Verbindung vom Ost- zum Westende der Insel. Das weiss heute kein Tourist mehr, der sich durch die polierte Fussgängerpromenade feiert und sich nicht zwei Strassen weiter nach hinten traut, in die «Travessa Fundo d Mar». Ein Armenviertelchen, mitten im Ort. Umgeben von Chinesen, die Liegenschaften aufkaufen und Wohnraum zu Billigläden machen.

Noch Mitte Juli war diese heute nur noch kurze Strasse grau, schmutzig und pissig. Es ist die einzige Strasse im Zentrum, die noch immer an kein Wassersystem angeschlossen ist! So soll man sich doch regelmässig die Hände waschen - wo sollen das denn die 31 Kinder und 10 Mütter tun? Zumal der Strand, und somit das Meer fürs tägliche Bad und für die älteren Kinder das Surfen, noch immer ab zehn Uhr morgens gesperrt ist. Die Schule bleibt auch nach den Sommerferien geschlossen. Gegen diese lange soziale Isolation wollte Arianna ganz nach der BrokenWindows-Theorie anmalen.

Anfangs war es schwierig. Die Kinder schüchtern, leicht apathisch. Stritten sich gar um die Besen anstatt zu spielen, die Mütter nicht begeistert. Da kommt jemand und platzt in dein Habitat, stellt es auf den Kopf. Genau so wie Du es mit der Sculpture gemacht hattest. Biels Obdachlose und Randständige hatten plötzlich ein immenses Holzkonstrukt auf ihrem Bahnhofplatz, da, wo sie normalerweise sitzen auf den Bänkchen. Pendler mussten neue Wege gehen.

Doch sie zog es durch. Jeden Tag von morgens bis abends war sie da in der grössten Hitze, erst drei Tage putzen, dann Häuser anmalen, Kunstwerke kreieren, und die helfenden Händchen wurden immer mehr. Lieber Thomas, was da entstand, ist so viel mehr als nur eine Strasse hübsch machen. Es ist eine Gemeinschaft. Ein Miteinander. So viel Energie. Jeder und jede konnte sich einbringen, hatte plötzlich eine Aufgabe. Zement mischen, Muscheln sortieren, Fassade meeresblau streichen, für alle kochen. Und somit eine Wertschätzung. Genau wie bei uns damals auf unserer Walser-Insel.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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