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Inselpost von Vera Urweider über Inselankerpunkte und durch Corona entfernte Beziehungen.© Thomas Kromer

Inselpost 7

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 25.5.2020

Lieber Raphael, liebe Seli, lieber Miquel und liebe Katharina, lieber Wim und liebe Sandra,

jedes Mal wenn Maxim lacht, gluckst und strahlt, sich seine babyblauen Kugelaugen zu kleinen Schlitzen formen, seine vier Zähnchen zum Vorschein kommen und sein feines weissblondes Haar in alle Richtungen sich streckt, wissen Valeriya und Richard, dass sie alles richtig gemacht haben.

Vielleicht denken sie manchmal im Streit, anders wäre möglicherweise doch besser gewesen? Vielleicht wäre schützende Distanz doch angenehmer, als unaufhörliches aufeinandersitzen? Die beiden gehören zu meinen Inselankerpunkten. Ich will euch ihre Geschichte erzählen:
Er, 38, Geschichtsprofessor für Nahost an der University of Chicago, blitzgescheit und Blitzkarriere, mehrere Bücher. Kommt ursprünglich aus Texas, mag als einziger seiner Familie Trump nicht, doziert ab und an auch in China, deshalb überall und nirgends zu Hause, meistens unterwegs. Sie, 26, ein Beruf mit englischem Titel, Consultant of irgendwas oder so, wohl ziemlich gut darin, ich vergesse es immer wieder sofort, wenn ich nachfrage, irgendwas mit Zahlen, nicht meine Welt. Ebenfalls nicht auf den Kopf gefallen, ursprünglich aus Kaliningrad, diese russische Enklave an der Ostsee zwischen Litauen und Polen, teilte sich während des Studiums mit einer Freundin ein Berliner Einzimmer­apartment, momentan im Mutterschutz und darum einfach da, wo Richard gerade sein muss. Oder sollte. Maxim, 0, war nicht geplant, aber willkommen. Wird in knapp drei Wochen ganze eins. Er zahnt. Alle lieben täglichen Fisch.

Eigentlich wären sie nun in Chicago, das Semester läuft. Kurz vor dem Lockdown waren sie auf den Kanaren, Urlaub. Der Plan: vor Chicago in Südspanien bei Valeriyas Vater vorbei. Doch die Flüge wurden gestrichen und sie kamen nicht mehr aufs Festland. Corona hätte diese junge Familie beinahe auseinandergerissen, so wie viele andere. Ich denke zum Beispiel an euch, Miquel, Katharina und Alexei - Vater in Barcelona, Mutter und Sohn in Moskau. Ich denke auch an euch, Wim, Sandra, Ruben und Tiara - Vater und Sohn im kleinen katalanischen Dorf, Mutter und Tochter in Bogotá. Tiara ist erst gerade vier Monate alt geworden. Und Du, Wim, sahst sie kurz nach der Geburt zum zwischenzeitlich letzten Mal.

Richard und Valeriya hatten zum Glück noch die Wahl. Entweder auf den Kanaren bleiben, doch da wurde es bereits restriktiv und unangenehm. Oder sich repatriieren lassen, jedoch getrennt. Er in die USA, sie mit Maxim nach Russland, wo sie seit acht Jahren nicht mal mehr lebt. Nach Deutschland, Berlin, Wahlheimat, konnte sie schon nicht mehr. Die drei sind am Flughafen, werweisend was wohl das kleinere Übel sein könnte - gemeinsam auf den Kanaren oder getrennt repatriiert -, da entdecken sie auf einmal einen der letzten regulären Flüge: Sal, Kapverden.

Es blieben ihnen kurze Minuten, man googelt, entdeckt die Insel im Atlantik, liest, sie sei sogar noch virenfrei, entscheidet spontan, kauft die Tickets, steigt in den Flieger und keine drei Stunden später steigt man aus in der Heimat für die nächsten Monate. Manchmal, wenn wir zusammensitzen, Richards Fischtacos essen und philososchnapsen, stellen wir uns vor, wie wir ewig hier blieben, auf unserer Insel. Ewiger Mutterschutz. Ewige Onlinevorlesungen zu ulkigen zeitzonenbedingten Zeiten. Ewige Geschichten und Briefe in die Heimat. Ewige Sonne. Ewiges Surfen.

Ich frage mich: Raphael, die Deutschlandreisen zu Deiner Freundin sind unmöglich geworden, was macht das mit Dir? Ich frage mich: Seli, bist Du noch in die Schweiz gekommen? Bist Du bei Marvä? Oder steckst Du in Halle fest? Was macht das mit einer Beziehung, wenn man ungeplant und unbefristet getrennt ist voneinander? Wenn man nicht selber entscheiden kann, wann man sich wieder in die Arme nimmt? Was geschieht in dem Moment, wenn man sich zum ersten Mal wieder gegenüber steht? Ich hoffe Gutes.

Liebe Grüsse von der Insel

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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