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Vera Urweider hilft mit beim Ausmessen von Langkopfschildkröten.© Jordi Lopes

Inselpost 15

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.


Santa Maria, 3.8.2020

 

Lieber Chlöisi,

vor einer Woche bin ich umgezogen. Weg aus der Zweier-WG, alleine nun, mit grossem Balkon, direkt aufs Meer. Links von mir grosse Palmen, die den Pool umgeben, geradeaus blicke ich über ein Grün mit pinken Blüten, darunter kurze Palmen, weisse Schirme, unter welchen kaum jemand liegt, weisser Sand und dann, dann nur noch Meer, Meer und Meer. Und ein paar Boote.

Frühmorgens scheint die Sonne seitlich auf den Balkon, tagsüber lässt sie mich in Ruhe, ein Lüftchen macht den heissen, tüppigen Kapverdensommer erträglich. Nachts ging der Vollmond von links nach rechts übers Meer. Ich hab eines der Galeriebetten runter genommen und schlafe nun oft draussen. Unter dem Mond. Neben Ricar­dos Surfbrett. Er wurde, mangels Wind, von meinem Kite- zum Surflehrer. Ich beobachte das Leben am, im und auf dem Meer, die Wellenreiterinnen, die Stand-up-Paddle-Fischer, die Harpunenfischer, die Fischerboote, die Schwimmerinnen, die Schnorchler, die Krebssammlerinnen, die Tagelöhner, die Schlendrianinnen, Kinder, Hunde, Katzen.

Und eine Schildkröte!

Das war vorgestern um ein Uhr nachts. Ich lag auf meinem Balkonbett, lauschte halbschlafend den Wellen. Plötzlich hörte ich aufgeregte Stimmen. Schlaftrunken lugte ich in die laute Richtung und sah dieses wunderschöne,wundergrosse und sehr verwirrte Tier im Licht des Mondes. Die Schildkröte, eine Caretta caretta übrigens, zu deutsch Langkopfschildkröte oder unechte Karettschildkröte, wobei diese definitiv echt war, suchte sich ein Plätzchen für ihre Eier.

Was mich so beeindruckte, war nicht die Schildkröte an und für sich. Von denen sehe ich viele, da ich seit Juni für die NGO Project Biodiversity arbeite. Diese gibt es seit 2015, und sie setzt sich unter anderem für Naturschutzgebiete ein, will diese bald mit Wegweisern markieren, sammelt erste Reptilien- und Vogeldaten überhaupt, sensibilisiert in Schulen, arbeitet mit lokalen Fischern. Zur Schildkrötenbeobachtung bin ich durch Marcos gekommen. Ein spanischer Freund, der seit sechs Jahren hier lebt und Umweltwissenschaften studiert hatte, so wie Du jetzt. Mal sehen, wo es Dich mal noch hintreibt. Er kam durch Zufall zu den Schildkröten. Nach dem Studium suchte er einen Einstiegsjob und fand diesen mit costaricanischen Schildkröten. Nein, es war nicht das Tier, das mich zweimal blinzeln liess. Sondern das Setting, in welches es sich begab. Quasi in meinen Garten! Da traut sich dieses so scheue Tier aus dem Wasser und dann landet sie direkt mitten im Dorf. Das ist definitiv nicht üblich und wohl nur geschehen, weil dieses Jahr so wenige Menschen hier sind. Ruhe im Ort, Ruhe am Strand, Ruhe im Wasser. Die Schildkrötenforscher erzählen, dass dieses Jahr schon doppelt so viele Tiere an Land gekommen seien wie sonst in einer ganzen Saison. Zum Vergleich: 2019, da wurden Mitte Juli 1000 Nester festgestellt, 2018 deren 1500, heuer sind wir schon bei 6000. Der Mensch ist weg, das Tier kommt wieder.

Die Kapverden sind bekannt für ihre Schildkröten. Von Mai bis Oktober kommen sie an Land und legen zwischen 60 und 120 Eier. Eine Schildkrötendame strandet vier Mal pro Legesaison. Bei ihrem allerersten Landgang ist sie zirka 25-jährig. Zwischen dem eigenen Schlüpfen und dem ersten Ei lebt sie ausschliesslich im Meer. Dass ich nun genau bei dieser «Schildkrötenflut» dabei sein kann, die Tiere ausmessen darf, sie vor illegalen, bewaffneten Jägern beschützen muss, mitentscheide, ob ein Nest gut platziert ist oder verlegt werden soll, Nest-GPS-Daten notiere und mittler­weile auch bei dunkler Nacht das Schildkrötenspurenlesen beherrsche, das, das macht mich schlicht glücklich und zufrieden. Ich glaube, Chlöisi, das würde Dir auch gefallen.

Liebe Grüsse von der Insel,

Deine Schwester Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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