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© Thomas Kromer

Inselpost 13

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.


Santa Maria, 6.7.2020

 

Liebe Regi und Theo, lieber Christian und Therese, lieber Titus und Elisabeth, liebe Ursi und Fred, lieber Max, liebe Claudia,

ich musste doch rächt schmunzeln, als Deine Geburtstagswunschnachricht bei mir eintraf, liebe Therese, und Du schriebst, Du würdest jede Inselpost lesen und jeweils gespannt warten, ob irgendwann vielleicht die Anrede «Liebe Therese» erscheine. Ja, voilà. Da ist sie. Du überlegtest weiter, was es denn zu erzählen gäbe, wenn ich Dir schriebe, zähltest auf: Massagen? Geburtstagsfeiern? Piemont? Es gäbe einiges, womit ich einen Brief an Dich verknüpfen könnte. So wie mit euch allen.

Ihr seid Menschen, die ich irgendwie zu meiner erweiterten Familie zähle – ohne mit euch verwandt zu sein. Natürlich könnte ich hier auch unsere Gotten und Göttis einbeziehen, doch wurden diese ja ganz zu Beginn unserer Existenzen von unseren Eltern aktiv in die Familie erfragt. Ihr jedoch, ihr seid einfach irgendwie dazugekommen.

Einige als Freunde unserer Eltern. Regi, Du hast mich so selbstverständlich und selbstlos, damals als Dein Mann und mein Götti Roli starb und ich erst 14 war, unter Deine Fittiche genommen und später glücklicherweise den Theo in die Familie gebracht. Therese, wie oft hast Du meinen verwirrten Gefühlen zugehört, wenn mein jugendliches Herz mal wieder meinte, dass die Eltern komisch wären, sich und mich nicht verstünden so zwischen Hasli und Seeland, Du meintest dann jeweils so schön, ja, ich hab ja auch einen Hasli-Grind zu Hause. Ursi und Claudia, Schulfreundinnen von Mamma, wie treu ihr seid – gibt es eigentlich ein Konzert von mir, das ihr je verpasst habt?

Andere als Freunde von mir selber. Max, Dich lernte ich kennen, als ich mit sechs Jahren meinen Kopf durchsetzen konnte und Geige lernen durfte. Hätte ich damals klein beigegeben und Mamma geglaubt, dass Klavier besser wäre für mich, so hätten wir viele wertvolle Stunden nie erlebt. Hatte ich nicht geübt, wurdest Du kurz streng, dann improvisierten wir oder lasen Blatt oder spielten ab Ohr oder Du merktest, dass der Schuh ganz woanders drückte, dann tranken wir Kaffee. Euch beide, Titus und Elisabeth, schloss ich erst vor zwei Jahren in mein Herz, mitten in Sambia, beim Frühstück, kurz vor einer Hochzeit. Und wie gerne frühstücke ich auch heute noch bei euch in Villars, ein bisschen weg von allem, Ruhe und lange Gespräche.

Dieses erweiterte, über das Blut hinausgehende Familiengeflecht, dieses so fraglose Dazugehören, das erlebe ich hier auf den Kapverden immer wieder. Jeder ist irgendwie Cousin oder Onkel oder Nichte. Anfangs versuchte ich zu verstehen, wer hier jetzt wirklich verwandt ist und wer eigentlich nicht. Ich fragte dann jeweils, also wirklich Cousin? Dann hiess es meistens, nein, aber nahe. Manchmal hiess es auch, ich weiss es nicht. Oft kennen sie nicht einmal alle Blutsverwandten, weil die Familien weltweit so verstreut sind und es deshalb so unübersichtlich ist. Die Familien hier sind riesig. Wer dazu gehört, entscheidet die Zeit.

Ich habe also vergangenen Donnerstag einen Geburtstag ohne euch gefeiert. Ohne euch, aber so gar nicht alleine. Nicht im Garten, sondern im Sand. Und ich glaube, ich hatte noch nie so viele verschiedene Nationen um mich versammelt. Neben den kapverdischen Freunden, waren da Mitgestrandete und Hierlebende aus Finnland, Deutschland, Holland, Spanien, Russland, USA, Kenia, Guinea-Bissau, Senegal, England, Italien und der Schweiz.

Einer der Schweizer, Eugen, hatte ebenfalls Geburtstag, tagesgleich, jedoch nicht jahresgleich - er wurde 69. Seine Geschichte ist übrigens superskurril, die will ich noch kurz erzählen: Er buchte im Schweizer Reisebüro seines Vertrauens wie immer eine Reise zu seiner Partnerin nach Boa Vista. Brasilien. Als er aus dem Flieger stieg, war er auf Boa Vista. Kapverden. Falsch gebucht, falsch geflogen. Er versuchte noch, über Sal nach Brasilien zu kommen, und blieb hier stecken. Ganz alleine, Brasilien vermissend und nicht so flexibel wie ich es vielleicht bin. Also lud ich ihn kurzerhand auf meinenseinen Geburtstag ein.

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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