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Journalistin Anuschka Roshani.© Noe Flum
Kleine Bühne im Progr, Bern

Ich ist eine andere

LSD ist in aller Munde: Anuschka Roshani unternahm einen Selbstversuch und schildert ihre Trip-Erfahrungen im Essay «Gleissen». Nun liest die Autorin daraus im Progr.

In der Mitte ihres Lebens angelangt, beschliesst die Journalistin und Autorin Anuschka Roshani, sich auf eine Reise zu begeben, die sie maximal von ihren eingespielten Routinen und ihren bisherigen Vorstellungen von sich und der Welt entfernen wird. Destination ihres Trips: Das eigene Unbewusste. Das Vehikel dazu: Neugier, Mut und LSD. Was die bewusstseinserweiternde Substanz mit ihr machte, schildert sie im Essay «Gleissen».

Insgesamt sechsmal begab sie sich im Rahmen einer aktuellen Forschungsstudie des Basler Universitätsspitals «under the influence» des mysteriösen Stoffs, der zurzeit sein Revival erlebt. Müsste sie ihre Reiseerfahrungen zu einem einzigen Satz bündeln, so liefe es auf das rimbaudsche «Ich ist eine andere» hinaus, schreibt sie gleich zu Beginn. So schildert sie im Laufe des Buchs, wie ihr Ich in einem Sprühregen zu Myriaden Wassertröpfchen zersprang, sie beschreibt die Wonnen, Musik visuell zu erleben, sie erzählt aber auch von einer Todesvision, in der sie zu einem Segel wurde, das in sich zusammenklappte.

Ein Essay, der ausschwärmt

Einen Selbsterfahrungsbericht über Acid zu schreiben, das liegt in der Natur der Substanz, könnte leicht zur esoterischen Nabelschau, quasi durchs dritte Auge inspiziert, ins (wievielte wohl?) Auge gehen.

Nicht aber, wenn die Autorin Anuschka Roshani heisst, (und es auch nach der «Ichveranderung» bleibt). Die «Magazin»-Autorin und einstige Absolventin der Henri-Nannen-Journalistenschule gehört einer Generation von Schreiber*innen an, die gelernt haben, das «Ich» in Reportagen tunlichst zu vermeiden, wie sie selber feststellt. Wenn sie nun also vom Ich aus schreibt, dann tritt sie stets auch in wohltuende Distanz dazu, wenn sie ein allumfassendes Gefühl von Empathie und Liebe beschreibt. Und wie sie schildert, zu glauben, im Verlaufe eines Trips um vier Zentimeter gewachsen zu sein, ist einfach nur lustig.

Ihr Essay benutzt die Selbsterfahrung als Angelpunkt, um in viele Richtungen auszuschwärmen. Er streift Albert Hoffmanns zufällige Entdeckung von LSD, die Popularisierung durch Ikonen wie Leary und Huxley und seine Verteufelung im Rahmen von Nixons «War on Drugs». Und Roshani lässt heute führende Forscher*innen der Universitätsklinik Basel, der Zürcher Uniklinik Burghölzli und den Psychiater Peter Gasser, Pionier der LSD-Renaissance und «best trip advisor», zu Wort kommen. Sie alle erhoffen sich vom Stoff therapeutische Erfolge bei Depressiven, Suchterkrankten und Angstpatient*innen.

Auch Anuschka Roshani, die sich als lediglich «durchschnittlich neu­rotischen» und ansonsten ziemlich glücklichen Menschen bezeichnet, hat einiges auf ihren Reisen wiederentdeckt: ihre kindliche Neugier aufs Leben etwa. Und das Schreiben darüber als zweiten Flow. Ein schönes Souvenir eines Trips. Den empfiehlt sie allerdings nur mit professioneller Begleitung. Nun reist die in Zürich lebende Autorin wieder. Nach Bern in den Progr – und liest aus «Gleissen».

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