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Heuer keine Bühnenzeit für Jugendliche, dennoch bietet toj viele Alternativen unter der Geschäftsleitung Ratters.© ZVG

«Hässig auf die Situation sein»

Wie steht es eigentlich um die Berner Jugend? Nicole Joerg Ratter, Geschäftsleiterin des Trägervereins für offene Jugendarbeit der Stadt Bern (toj), erzählt, was Jugendliche momentan beschäftigt und wie die Jugend­arbeit damit umgeht.

Nicole Joerg Ratter, wie erleben Sie den Umgang der Jugendlichen mit der aktuellen Situation?
Die Jugendlichen wurden von einem Tag auf den nächsten enorm gefordert, als die ausserordentliche Lage ausgerufen wurde. Sie mussten plötzlich ihre Tagesstruktur selber organisieren. Der Grossteil ging gut damit um, für andere war es schwierig. Für Letztere war es wichtig, dass sie sich bei den Jugendarbeitenden Unterstützung holen konnten. Viele Jugendliche haben sich organisiert, haben geschaut, dass sie sich in kleinen, immer gleichen Gruppen treffen können. Einige Freundschaften haben sich so gefestigt, andere sind etwas verloren gegangen. Virtueller Kontakt ist nun mal nicht dasselbe wie physischer.

Sich nicht mehr mit Gleichaltrigen treffen zu können, ist das die grösste Herausforderung?
Das Bedürfnis nach Austausch besteht weiterhin. In diesem Alter ist es für die Persönlichkeitsentwicklung und den Ablösungsprozess vom Elternhaus wichtig, sich mit Gleichaltrigen, aber auch sonst Menschen ausserhalb des Familiensystems auszutauschen. Für einige fiel mit dem Ausfall der Schule ein sozialer Druck weg, andere hingegen standen wegen des virtuellen Unterrichts mehr unter Druck. Zudem werden viele Jugendliche zuhause stärker kontrolliert als sonst, wenn die ganze Familie daheim ist. Dies führt dazu, dass sowohl physischer als auch virtueller Kontakt mit Gleichaltrigen teils erschwert wird. Sorgen machen uns diejenigen, die sich deshalb stark isolieren. Wiederum andere haben ihr Verhältnis zu den Eltern stärken können und wurden darin unterstützt, zu differenzieren zwischen guttuenden und nicht guttuenden Freundschaften.

Wie geht die Jugendarbeit damit um?
Der toj hat seine Angebote in den virtuellen Raum verlegt, vieles läuft über Instagram-Kanäle der unterschiedlichen Jugendtreffs. Jugendliche wurden dazu animiert, sich mit ihrem neuen Alltag auseinanderzusetzen. Beispielsweise hat der Jugendtreff Bronx im Länggassquartier einen Aufruf gemacht, Zeichnungen, Texte oder Fotos einzuschicken, die den neuen Alltag thematisieren. Es gingen Zeichnungen ein, welche die Wut der Jugendlichen darstellen. Sie dürfen also auch «hässig» auf die Situation sein und dies so ausdrücken. Ziel wäre es, daraus ein Heft zu drucken. Vom Jugendzentrum Newgraffiti, wurden Beiträge von Jugendlichen darüber veröffentlicht, wie es ihnen mit der aktuellen Situation geht.

Wie sieht es mit dem Kulturleben der Jugendlichen aus?
Eigentlich ist für Jugendliche der öffentliche Raum fast wichtiger, als für andere Altersgruppen. Sie konsumieren nicht Kultur wie Erwachsene. Einige sind enttäuscht, dass es keine Bühnenzeit gibt für Jugendbands am Bärner Stadtfescht. Ebenfalls ist noch nicht klar, ob das Jugendfestival TakaTuka, welches in Planung ist, stattfinden kann. Das gleiche gilt auch für andere Anlässe im Jugendzentrum New­­graffiti oder im öffentlichen Raum, welche mit Jugendlichen hätten organisiert werden sollen. Das fällt nun wohl alles ins Wasser. Dies schlägt schon auf die Moral. Deshalb ist es umso wichtiger, dass langsam die Jugendtreffs wieder öffnen können.

Worin bestehen denn die virtuellen Angebote der Jugendarbeit?
Zum Beispiel aus der Liveübertragung eines DJ-Sets. Wir wären aber auch an der Aktionswoche gegen Rassismus beteiligt gewesen. Darum haben wir über die Sozialen Medien für dieses Thema sensibilisiert und Beiträge geteilt. Im Monat Mai wäre der Aktionsmonat «Like Everyone» gewesen. Als Ersatz wird nun über Instagram Sensibilisierungsarbeit zum Thema LGBTQI+ gemacht. Wir versuchen an den Themen weiterzuarbeiten, die wir mit den Jugendlichen auch unter normalen Bedingungen behandelt hätten. Als nächstes setzen wir uns mit dem Thema Beruf, Arbeitsrecht und Schule, danach mit «Body Positivity» auseinander.

www.toj.ch

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