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Endo Anaconda, der hin und wieder der Schweiz entfliehen musste. © Michael Schär

Grossartiger Freund, fahr nicht zu schnell!

Die Autorin und Musikerin Ariane von Graffenried verband eine langjährige Freundschaft mit Endo Anaconda. Sie teilten die Liebe zur Sprache, zur Musik, nahmen gemeinsam das Stück «Saint-Jacques-de-Compostelle» auf und schrieben sich Briefe. Mit einem Brief nimmt sie nun auch Abschied vom grossen Künstler, der am 1. Februar starb.

Lieber Andrei,

Seit Du nicht mehr da bist, rede ich mir ein, Du seist auf einer Deiner Spritztouren. Bald wird der nächste Brief von Dir ins Haus flattern, der nach Tabak riecht. Du hast den Schummeldiesel getankt, den roten Titostern, den ich Dir vom Basar in Skopje mitgebracht habe, an den Stetson geheftet und fährst grinsend der braunschäumenden Trueb entlang. Du hörst Loretta Lynn oder Maria Tănase und trägst die Welt auf Deinen Schultern. Ach, lieber Freund, wo bist Du hingefahren? Einmal irrtest Du im österreichisch-slowenischen Grenzgebiet herum. Du hattest Dir ein TomTom-Navi zugelegt, was zweckmässig, aber sinnlos war, da Du beim besten Willen nicht sagen konntest, wohin Du eigentlich wolltest. Du bist in der Gegend gelandet, in der Du aufgewachsen bist, obwohl Du Dir von dem Moment an, als Du denken konntest, vorgenommen hattest, nur an der Spitze eines UN-Heeres dorthin zurückzukehren. Oder wenn, dann wenigstens, um in einem luxuriösen Thermalhotel abzusteigen, an dem Ort, wo schon die Römer und Kelten ihren Hangover kurierten. Letzteres hast Du gemacht.

Hin und wieder musstest Du der Schweiz entfliehen, die Du gleichermassen liebtest und verurteiltest: «Diese verdammte Verschontheit, dieses verlogene Freiheitsgetue, diese Geldhörigkeit!» Wie Grossgrundbesitzer in einem Tschechow-Stück des vorrevolutionären Russlands in einer ungerechten Idylle. Und doch warst Du froh, dass Du hier zur Welt gekommen warst, weil Du es Dir leisten konntest, depressiv zu sein.

Wer weiss, vielleicht bist Du schon in Budapest und geisterst zu dezentem Hotellobby-Samba durch die Empfangshalle des Hotels Gellért, dieser grandiosen Jugendstilruine. Oder Du schreibst einen Brief in der Maximilian-Schell-Suite: «Der Teppich­boden stammt noch aus der Zeit des ungarischen Aufstandes. Ich befürchte Milbenbefall. Der Portier ist wahrscheinlich auch schon betroffen oder hat selbst eine Allergie. Alle paar Minuten machen sich seine gereizten Nasenschleimhäute durch ein erschütterndes Niesen bemerkbar, was ungefähr so tönt: iiHAAAH! Abwechslungweise mit iitSCHUU!» Die Hotelgäste im Gellért strahlen dieselbe Grandezza inklusive Milbenbefall aus wie das übrige Szenario, und der Barpianist spielt «Das Lied vom traurigen Sonntag», dem 1933 der Ruf vorauseilte, Leute in den Selbstmord zu treiben.

Auch Du hast Lieder für die gebrochenen Herzen geschrieben, Du konntest nicht anders, Du warst selbst mit einem gebrochenen Herzen geboren worden: «Der ‹Moudi› ist mein Alter Ego, das ich immer im Blick haben muss. Ich würde lieber mit einer schwarzen Mamba zusammenleben als mit mir selbst.» Im Martinsmünster in Colmar hast Du vier Kerzen angezündet: «Eine für das, was ich war, eine für das, was ich bin, und eine für das, wohin ich gehe. Die letzte für unsere Freundschaft.» Dann hast Du dich vor die Kirche gesetzt und die Spatzen gefüttert, die Dir aus der Hand frassen. «Die Stopfleber von gestern lastet schwer. Auch die Frage nach dem Sinn.» Du warst, wie viele grosse Künstler, einsam, aber nicht allein. Wenn der Schneesturm um Deine Ranch im Emmental orgelte, hast Du meditiert, die Wände angestarrt und versucht, einen idealen Präsentationsort für Hans Stalders Bilder oder die Kunst Deiner Tochter zu finden.

Ich sortiere Deine Briefe und Collagen. Als wir Ende November das letzte Mal zusammen speisten, habe ich nicht gesagt, dass Winnetous kleine Schwester, Marie Versini, zwei Tage zuvor gestorben war. Ich wollte nicht über den Tod sprechen.

Jetzt bist Du unterwegs. Oder vielleicht sitzt Du ja in Deinem tannengetäferten Büro am Schreibtisch, den Panzerschrank gefüllt mit Colts, Substanzen und Gedichten. Mit dem Feldstecher zählst Du an den gegenüberliegenden Hügeln Kühe und suchst letzte Goldsplitter in der Sprache, die Du Dir angeeignet hast wie niemand sonst. Ein grosser Dichter: expressionistisch, geistreich, schwermütig und ergreifend. Deine Auftritte waren Feste der Tiefe und Verbundenheit.

Du hast am Leben gehangen und doch oft an dessen Ende gedacht: «Ich habe mein Lampenöl verfeuert, stehe mit flackerndem Docht vor der Türe meines Herrn und hoff, er hat mir eine Hintertüre zu seinem Gnadenhof offengelassen. Etwas Würde für seinen alten faulen Gaul.» Lieber alter grossartiger Freund, ich werde Deine gute Gesellschaft vermissen, Deine Worte zu unserem Da-da-sein, Deine Stimme zwischen sanftem Adagio und Allegro furioso, Dein Lachen und Deine Lieder, die sind wie das erlösende Gewitter nach einem trockenen Tag im Wilden Westen, in Kathmandu oder Trub.

Ich denke an Dich und Deine Liebsten.
Dass es Dir gut gehen möge, da wo Du bist,

Fizzy

PS: Fahr nicht zu schnell!

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