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Henriette von Wattenwyl, Burgergemeindeschreiberin© ZVG

Gespräch mit der «höchsten» Bernburgerin

Henriette von Wattenwyl ist Burgergemeindeschreiberin. Sie informiert über die kulturellen, sozialen, wissenschaftlichen und ökologischen Aufgaben der Burgergemeinde, einer der grössten Kulturförderinnen des Kantons Bern. Sie weiss: «Burger sind Bernfans».

Frau Henriette von Wattenwyl, Sie sind Burgergemeindeschreiberin. Ihr Amt umfasst aber wohl mehr als nur Schreiben. Sind Sie quasi die CEO der Burgergemeinde, die höchste Bernburgerin?
Als das sehe ich mich nicht. Ich habe das Privileg, mit vielen spannenden Menschen zusammenzuarbeiten. In meinem Stellenbeschrieb steht «Leitung der zentralen Verwaltungsdienste, Sicherstellung der Ratsbetriebe, Koordination der Institutionen und Verwaltungsabteilungen, Strategie- und Projektarbeit, Vertretung und Repräsentation der Burgergemeinde Bern». Meine Tätigkeit ist abwechslungsreich und sehr bereichernd.

Alle kennen die Bernburgerinnen und Bernburger, aber man weiss nicht wirklich viel über sie, zusammen­gefasst etwa: Es sind die früheren Adeligen von Bern und sie sind reich. Reicht es, einfach vermögend zu sein? Und wie viele Bernburgerinnen und Bernburger gibt es überhaupt?
Immer diese Vorurteile (lacht)! Bernburgerinnen und Bernburger gibt es in allen sozialen Schichten. Und obschon wir seit Jahren aktiv und transparent über unser Wirken berichten, poppt hier und da mal wieder ein Vorurteil auf. Im Gegensatz zur Einwohnergemeinde sind wir keine Territorial-, sondern eine Personen­gemeinde. Aktuell gibt es rund 18 600 Burgerinnen und Burger.

Und wie wird man eigentlich Bernburgerin oder Bernburger?
Das Burgerrecht ist ein Heimatrecht und kann vererbt werden. Wichtig sind aber auch Neueinburgerungen. Die persönliche Motivation und der Bezug zu Bern sind von zentraler Bedeutung. Ich höre immer wieder, dass das Engagement für Bern jenseits der parteipolitischen Lager ein wichtiger Punkt ist, weshalb Leute auch heute noch Burger werden wollen. Die Menschen, die sich einburgern lassen, haben eine «sozio-emotionale Bindung» zu Bern. Sie sind Bernfans.

Mit dem Grossen Burgerrat als Legislative, dem Kleinen Burgerrat als Exekutive, einer Burgerkanzlei sowie einer Verwaltung mit insgesamt über 800 Mitarbeitenden sind sie ja quasi ein kleiner Staat im Staate Bern. Und mit einem jährlichen Umsatz von 150 Mio. Franken sind sie eines der grossen Unternehmen im Kanton. Wie verdient die Burgergemeinde eigentlich ihr Geld?
Ihre Mittel erwirtschaftet die Burgergemeinde Bern mit ihrem Grund­eigentum und mit der DC Bank. Soweit ihr Vermögen und dessen Ertrag nicht der Fürsorge dient, ist sie steuer­pflichtig. Gemessen an der Anzahl ihrer Angehörigen ist die Burger­gemeinde Bern eine der grösseren Gemeinden im Kanton Bern. Sie erfüllt vielfältige soziale, kulturelle, wissenschaftliche und ökologische Aufgaben, die der gesamten bernischen Öffentlichkeit zugutekommen.

Noch kurz zum Immobilienbesitz: Auch hier wird etwa kolportiert, dass die halbe Stadt Bern den Burgern gehöre. Ist da etwas dran?
Diese Aussage geistert immer wieder rum und stimmt so nicht. Die Burgergemeinde Bern besitzt rund 32 Prozent des Bodens in der Gemeinde Bern, wobei rund 26 Prozent aus Wald bestehen. Weitere 2 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt. Bebaut sind lediglich 4 Prozent mit insgesamt 636 vermieteten Wohnungen in rund 70 Liegenschaften.

Bekannt sind die Bernburgerinnen, zumindest in der Kulturszene, vor allem als grosszügiger Kulturförderer. Auf ihrer Webseite steht, dass sich die Burger «zum Wohl der Allgemeinheit» für Kultur und Gesellschaft engagieren. Das scheint ein breites Feld zu sein, eine Art Gemischtwarenladen?
In gewissem Sinne, ja. Die Kantonsverfassung sieht vor, dass sich die Burgergemeinden für die Allgemeinheit engagieren. Unsere Projektbeiträge umfassen die ganze Bandbreite des menschlichen Miteinanders: von den Künsten bis zum Sport und von Traditionsverbundenem bis zu Visionärem.

Als Hauptkriterien für eine Kultur­förderung gelten «Bernbezug und Qualität». Qualität ist klar, aber wie gross ist Ihr Bern-Perimeter? Stadt? Region? Oder können aus dem ganzen Kanton Gesuche gestellt werden?
Der Bernbezug kann geografisch oder thematisch sein. Wir schauen, ob die Aktivität in der Stadt, in der Region oder im Kanton stattfindet. Der Bernbezug ist aber auch gegeben, wenn sich ein Projekt stark auf Bern oder auf eine für Bern herausragende Persönlichkeit bezieht.

Stimmt der Ruf, dass die Burgergemeinde eher der sogenannt bürgerlichen Kultur zugetan ist und eher die etablierte Kultur fördert? Oder könnte etwa auch die Reitschule burgerliche Fördergelder erhalten?
Die Kriterien beziehen sich nicht auf den Ort der Durchführung oder die Art der Kultur. Sie werden sich vielleicht wundern, aber die Burgergemeinde hat in den letzten zwei Jahren an die 50 Veranstaltungen unterstützt, die in der Reitschule stattfanden. Darunter Theaterproduktionen wie «Falsh Gordon» oder das Norient Musikfilmfestival. Wir haben übrigens auch schon Kommissionsausflüge in die Reitschule unternommen.

Mit jährlich über 25 Millionen Franken sind die Burger zusammen mit Stadt und Kanton Bern der grösste Kulturförderer. Sprechen sich die drei Förderinstitutionen ab? Oder können Sie fördern wie und was Sie wollen?
Grundsätzlich gestalten wir unser Engagement in Kultur und Gesellschaft frei. Wir tauschen uns aber regelmässig mit den Kulturförderstellen von Kanton, Stadt, der Regionalkonferenz oder auch mal mit einer anderen Gemeinde oder Burgergemeinde im Kanton aus. Einige Projekte werden in Absprache gefördert.

Sie fördern aber nicht nur bestehende Institutionen und Kulturprojekte, sondern betreiben eigene Häuser wie etwa das Naturhistorische Museum oder das Berner Generationenhaus. Neu bespielen Sie mit dem Casino Bern nun auch einen eigenen Bühnenbetrieb mit Konzerten und Kleinkunst. Die Berner Kulturszene war nicht nur erfreut, dass zum schon grossen Kulturangebot der Stadt nun noch eine finanzstarke Konkurrenz hinzukommt.
Unser vielseitiges Engagement reicht von eigenen Einrichtungen über Beiträge an externe Institutionen und Projekte bis hin zu Eigenveranstaltungen. Dazu kommen die Vergabe von Preisen und mehrjährigen Unterstützungsbeiträgen. Der gemeinsame Nenner ist stets das Engagement für die Allgemeinheit.

Konnten ihre Förderbeiträge für 2020 trotz Corona ausgezahlt werden? Und konnten weiterhin Fördergesuche gestellt werden?
Ja. Grundsätzlich wurde der Förderbeitrag auch für abgesagte oder verschobene Veranstaltungen ausbezahlt. Bereits im April hat die Burgergemeinde unkompliziert eine Corona-Soforthilfe in der Höhe von 1,2 Mio. Franken gesprochen. Der Betrag umfasste den Erlass von Mietzinsen für das Gewerbe – auch im Bereich Kultur. 300 000 Franken erhielt die Stiftung «I care for you», die unbürokratische Hilfe an Privatpersonen geleistet hat. 300 000 Franken gingen als Partnerhilfe an mehrere hundert Betroffene, die regelmässig mit der Burgergemeinde Bern zusammen­arbeiten.

Unter burgerlicher Federführung wurde die Machbarkeitsstudie «Museumsquartier Bern» erstellt, welche die Museen im Kirchenfeld vernetzen will. Hat das Projekt, das immerhin 250 Mio. kosten soll, angesichts der finanziellen Realitäten überhaupt noch Realisierungschancen?
Bei diesem Betrag handelt es sich um eine Grobkostenschätzung für die Maximalvariante. Die Machbarkeitsstudie zeigt nur auf, was machbar ist. Das heisst aber nicht, dass auch alles umgesetzt wird. Es geht jetzt darum, wie man das Projekt in Etappen realisieren könnte, damit das Fuder nicht überladen wird. Dabei ist zu prüfen, wie mit dringenden Punkten, etwa der Sanierung des Altbaus des Bernischen Historischen Museums, umgegangen werden soll.

Bauprojekte, gerade im Bereich Kultur, dauern in Bern ja häufig ewig; der Neubau beim Kunstmuseum etwa ist immer noch in weiter Ferne.
Das «Museumsquartier Bern» ist nicht in erster Linie ein Bauprojekt, sondern ein inhaltliches Projekt der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kulturinstitutionen. Dies lässt sich unabhängig und vorgängig zu einem Bauprojekt bereits angehen.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Ist die Burgergemeindeschreiberin Henriette von Wattenwyl eine fleissige Kulturkonsumentin? Und bei welchen Kulturveranstaltungen ist sie öfter anzutreffen?
So fleissig es die Agenda zulässt. Und dann sehr gerne ein Besuch in einem Museum, ein Konzert von Klassik bis Rock oder ein Theater- oder Kinobesuch.

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