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Alec von Graffenried, Stadtpräsident von Bern und Berner Kulturminister.© ZVG

«Festivals sind Sauerstoff für die Kultur»

Alec von Graffenried, oberster Hüter der Stadtberner Kultur, gibt sich pragmatisch. Im Kulturbereich sei in den letzten vier Jahren Wichtiges erreicht worden. Die Verwirklichung anstehender Grossprojekte im Museumsbereich sieht er als grosse Chance für Bern.


Alec von Graffenried, als Stadtpräsident sind Sie ja auch Berner Kulturminister. Kultur ist aber nur eine Ihrer vielen Aufgaben. Nach vier Jahren im Erlacherhof: Wie viel Prozent Ihrer Arbeitszeit etwa sind Sie mit dem Dossier Kultur beschäftigt?
Leider mit nicht viel mehr als vielleicht zehn Prozent? Leider, weil Kultur für mich nicht nur als Stadtpräsident, sondern auch als Privatperson einen hohen Stellenwert hat. Bern hat für seine Grösse ein quantitativ und qualitativ herausragendes Kulturangebot.

 

Ein Stadtpräsident hat keinen Achtstundentag: Sie haben oft auch abends und am Wochenende Verpflichtungen. Wieviel Prozent dieser «Freizeit» widmen Sie der Kultur?
Ich bin tatsächlich auch abends und am Wochenende als Stadtpräsident unterwegs. Auch an Kulturanlässen, da Kultur ja oft abends stattfindet.

Bleibt auch Zeit und Musse, dass Sie eine Kulturveranstaltung ganz ohne offizielle Verpflichtung als Privatperson besuchen können? Und wo trifft man Sie da am ehesten an?
Ich geniesse es sehr, auch mal ganz privat einen Kulturanlass zu besuchen. Meine Frau teilt mit mir das Interesse für modernen Tanz und für Schauspiel. Aber auch Museen in Bern und anderswo besuchen wir gerne und regelmässig.

Und ganz privat: Bleibt Zeit, ein Instrument zu spielen, Musik zu hören, ein Buch zu lesen?
Ich habe mich als Jugendlicher an einigen Instrumenten versucht, habe es aber nie weit gebracht. Mein bevorzugtes Instrument ist die Stimme. Ich singe leidenschaftlich gern, bin Mitglied in einem Quartierchor und singe an der Weihnachtsfeier im Erlacherhof. Musik hören wir oft am Radio, auf Swiss Classic und Swiss Jazz.

Und welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
Anlässlich der Renovation des Bondelihauses am Münzrain habe ich gerade erst den Roman «Tells Tochter» von Eveline Hasler über die Berner Intellektuelle und Frauenrechtlerin Julie Bondeli (1732 – 1779) nachgelesen. Ich musste dann aber feststellen, dass das Bondeli-Haus von der Familie Bondeli erst 100 Jahre nach Julie Bondelis Wirken erworben worden ist. Im übrigen lese ich zurzeit Tom Kummers «Nicht von schlechten Eltern» und Jürg Steiners «Bern – eine Wohlfühloase?».

Wenn Sie ausserhalb von Bern oder im Ausland über die Kulturstadt Bern reden: Wie lautet Ihr Werbespot? Wie «verkaufen» Sie das städtische Kulturangebot?
Bern hat ein ausserordentlich vielfältiges und reichhaltiges Kulturangebot, deshalb erzähle ich immer wieder andere Geschichten. Kulturell waren für mich Berns wichtigste Momente 1905, als Albert Einstein hier die berühmte Formel E=mc² schuf, oder 1969 mit Harald Szeemanns epochemachender Ausstellung «When Attitudes Become Form» in der Kunsthalle.

Sie waren und sind auch mit der Vermarktung der Kulturstadt Bern befasst: Wird die Stadt ausserhalb von Bern und im Ausland in ihrer ganzen kulturellen Vielfalt wahrgenommen?
Für mich ist klar: Städtetourismus ist auch Kulturtourismus. Die Besucherinnen und Besucher sollen bei uns nicht nur einkaufen und Sight–seeing machen, sondern auch das Kulturangebot, wie zum Beispiel die reiche Theaterszene, nutzen. Aber wir verknüpfen die touristischen Angebote noch zu wenig mit dem kulturellen Angebot. Mit Corona hat der Städtetourismus einen grossen Rückschlag erlitten; unsere Tourismusorganisation Bern Welcome steht hier vor einer gewaltigen Aufgabe.

Mit Franziska Burkhardt steht eine, wie man hört, von der Kulturszene geschätzte Kultursekretärin an der Spitze der Kulturförderung. Kommt es vor, dass Sie als ihr Chef selber Fördergesuche oder Anfragen beurteilen müssen, etwa weil Kulturschaffende mit einem Entscheid von «Kultur Stadt Bern» nicht einverstanden sind?
Nein, die Fördergesuche kommen nicht bis zu mir; Kommissionen und Fachsitzung arbeiten unabhängig, ich unterschreibe nur deren Entscheide. Das tut manchmal weh, weil ich entgegen einem Antrag gerne die eine oder andere Initiative fördern würde.

Sie würden andere Schwerpunkte setzen?
Ich finde, dass Festivals enorm wichtig sind; sie sind Sauerstoff für die Kultur. Ich hadere damit, dass die Kommissionen wertvolle Festivals zu wenig fördern. Am Festival ArtStadtBern etwa werden im Juni 2021 wieder 60 Kunstschaffende an ungewöhnlichen Orten in der Altstadt ausstellen. Ich bin auch ein Fan des Internationalen Jazzfestivals in der Inneren Enge, das, seit ich mich erinnern kann, hochkarätige Musiker und immer mehr auch Musikerinnen nach Bern bringt. Bern ist eine Jazzstadt; zusammen mit der Jazzschule, BeJazz und Bee-flat haben wir einen regelrechten Jazz-Cluster. Da müssen wir was draus machen. Die Tanztage etwa waren für die Szene und das Publikum enorm wertvoll. Daher haben wir das Theaterfestival Auawirleben finanziell gestärkt; zurecht, wie ich finde.

Nach vier Jahren als Berner Kulturminister: Was haben Sie erreicht? Auf was sind Sie besonders stolz?
Als ich vor vier Jahren angefangen habe, sagte man mir, dass das Kulturdossier ganz schwierig und mit vielen «Problemen» belastet sei. Beim KTB, das stark in der Kritik stand, haben wir nun einen vollständig erneuerten und verjüngten Stiftungsrat mit einer Frauenmehrheit. Mit Veronica Schaller, die ebenfalls massiv kritisiert wurde, arbeitete ich gut zusammen; Franziska Burkhardt konnte ein bestens funktionierendes und motiviertes Team übernehmen. Die Kulturabteilung wird heute als kompetent, sehr offen und kommunikativ wahrgenommen, was mich freut. Die «Probleme» von 2016 sind verschwunden …

Und welche Projekte wollen Sie in den kommenden vier Jahren prioritär anpacken?
Während eines halben Jahres waren wir nun fast ohne Kultur. Das fand ich eine ganz schwierige Situation. Zuallererst geht es darum, der Kultur wieder auf die Beine zu helfen. Man darf jetzt nicht wieder Veranstaltungen absagen oder verschieben. Man muss jetzt unbedingt produzieren und veranstalten. Sonst geht vieles endgültig verloren.

Wie stehen Sie zum Projekt Museumsquartier Bern, das immerhin 250 Millionen Franken kosten soll?
Da ist ein riesiges Potenzial für Bern; das muss man unbedingt angehen! Die Kosten sind nur auf den ersten Blick abschreckend. Die rund 60 Millionen für die überfällige Renovation des Historischen Museums müssen ohnehin aufgebracht werden, sie verteilen sich auf Kanton, Stadt und Burgergemeinde. Das gleiche gilt für den Depotneubau. Die übrigen Kosten betreffen nicht die Stadt. Aber ich werde mich nicht nur vehement für das Museumsquartier im Kirchenfeld einsetzen, sondern ebenso für den Erweiterungsbau des Kunstmuseums an der Hodlerstrasse.

Schon vor Ihrer Zeit kam, auch aus dem Gemeinderat, immer wieder die Forderung, die direkte Förderung, also die nicht durch Leistungsverträge gebundenen Beträge, zu erhöhen. Geschehen ist aber das Gegenteil. Und für die angekündigte Sparrunde soll nun erneut nur bei der direkten Förderung gespart werden?
Wir werden sparen, indem wir geplante Erhöhungen aufschieben. Zudem muss man auch sehen, dass die Freie Szene von Institutionen wie der Dampfzentrale, dem Schlachthaus oder dem Tojo profitiert. Indem wir diese Veranstalter mit Leistungsverträgen ausgestattet haben, unterstützen wir indirekt auch die Freie Szene, die dadurch leichter und regelmässig zu Aufträgen kommt. Das wird oft übersehen.

Wie informieren Sie sich über das Kulturangebot in Bern?
Die Vermittlung des Zugangs zur Kultur ist Teil der Kulturförderung; das ist auch ein wichtiger Teil unserer Kulturstrategie. Wir haben heute noch das Feuilleton in den Zeitungen, das sind aktuell noch die Leitmedien. Aber wir brauchen auch Angebote wie die «Berner Kulturagenda» und das «Ensuite», die uns sagen, was wann wo läuft. «Wie informiere ich mich?» bleibt ein grosses Thema. Mich beschäftigt sehr, wie die Medien in Zukunft aussehen werden und wie wir uns über Kultur informieren können.

Wer keinen Zugang zum Internet hat, wird aber als Kulturkonsument bald abgekoppelt sein.
Die Digitalisierung geht rasant voran, auch bei uns in der Stadtverwaltung. Aber für mich ist klar: Die Kultur muss auch für Menschen ohne Internet uneingeschränkt zugänglich sein. Die Angebote der Zukunft werden nur noch digital sein, aber wir werden alle unterstützen, den Zugang zu diesen Angeboten zu erhalten.

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