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Matthias Vatter: «Stammkunden wechseln nicht einfach so zu Amazon.»© Martin Bichsel, Bern

«Es ist ja nicht so, dass wir alle zu Hause runterfahren»

Wie steht es in diesen Zeiten um unsere Buchhandlungen? Matthias Vatter, Geschäftsführer von Erlesen und Verleger von Vatter&Vatter, über die Herausforderungen der Berner Buch­läden und warum der Onlinehandel nicht mithalten kann.

Matthias Vatter, was bedeuten die Geschäftsschliessungen für die Buchhandlungen?
Es betrifft nicht nur Buchhandlungen, sondern alle, die mit dem Endprodukt zu tun haben. Zum Beispiel die Zwischenhändler oder die Verlage. Das Problem ist vor allem die Logistik: Ware staut sich beim Zwischenhändler oder liegt in der Buchhandlung, die Bedienung der einzelnen Kunden, die nun direkt bestellen, ist für die Buchhändler aufwändig.

Inwiefern?
Vom Chinderbuechlade und von der Zytglogge-Buchhandlung habe ich gehört, dass es nach wie vor viele Bestellungen der Stammkundschaft gibt, was natürlich toll ist. Jede einzelne Bestellung bedeutet jedoch viel Organisation. Da die Zwischenhändler mit Logistikproblemen kämpfen, ist die Lieferbarkeit sowie die Lieferzeit unklar. Ausserdem muss mit dem Kunden abgeklärt werden, wie er oder sie das gewünschte Produkt erhält. Der Aufwand ist enorm.

Immerhin können die Berner Buchhandlungen noch Online-Bestellungen aufnehmen.
Ja, zum Glück. Es muss hier aber auch klar sein, dass der Online­handel für Bücher nicht den nötigen Zugang ermöglicht. Wir wachen morgens auf und denken, dass es keine Milch mehr hat. Wenn wir nicht rausgehen können, bestellen wir die Milch online. Niemand wacht morgens auf und denkt, «jetzt brauche ich den neuen Roman von Tabea Steiner». Bücher werden entdeckt und das kann der Onlinehandel so nicht wirklich bieten.

Ist Amazon während dieser Krise ein noch grösserer Konkurrent?
Das ist möglich. Die haben aber auch ein Problem mit der Logistik. Wir Buchhandlungen zählen auf die Stammkundinnen und Stammkunden, diese wechseln auch nicht einfach mal zu Amazon. Ausserdem sind Lehrpersonen wichtig für uns, und diese Beziehung ist nach wie vor intakt.

Kann die Situation auch eine Chance für die Buchhandlungen sein?
Ich finde das Gerede von der «Entschleunigung und mehr Zeit zum Lesen» völlig absurd. Es stimmt nicht, dass wir alle zu Hause «runterfahren». Ohne Struktur ist der Stress noch höher. Neben Homeoffice kommt noch das Homeschooling dazu. Am Ende hat der Tag immer noch 24 Stunden. Es ist nicht so, dass alle plötzlich Zeit haben und im Lesestoff schmökern.

Wird jetzt plötzlich Science-Fiction beliebt?
Es gibt sicher Stammkunden, die sich momentan bewusster überlegen, was sie lesen wollen. Egal, welches Genre. Was in Bern ein schönes Beispiel ist, ist Jared Muralts Comicreihe «The Fall». Seine Geschichte ist zwar viel krasser als die Situation, in der wir uns befinden. Trotzdem werden wegen der Thematik die Medien nun endlich auf Muralt aufmerksam, auch international. Dabei arbeitet er schon seit Jahren daran. Ich wünsche ihm, dass diese gesteigerte Aufmerksamkeit seinem Projekt einen Schub verschafft.

Was ist Ihr Tipp für Isolierte?
Gerade, dass wir gezwungen sind, mit den Menschen, die im gleichen Haushalt leben, mehr Zeit zu verbringen, bietet die Möglichkeit, neue Spiele zu entdecken. Zum Beispiel unser «Synonymory», ein Memo-Spiel, das mit synonymen Begriffen spielt, statt mit identischen Bildpaaren. Oder Stefan Gigers Kartenspiel «49 Shades of Grey», in dem es darum geht, verschiedene Grautöne zu unterscheiden.

www.erlesen.org

Netzwerk der unabhängigen Berner Buchhandlungen: www.b-lesen.ch

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