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«Ich will doch jetzt nicht auf die Schnelle ein paar schlechte Sätze raushauen.»© Michael Isler

«Ein Einzelkind wär jetzt gut»

Der Berner Autor und Kabarettist Christoph Simon im Interview über Sofa-Slams, Homeschooling und fehlge­leiteten Aktionismus in Zeiten von Corona.

Was würden Sie im Moment machen, wenn der Coronavirus nicht wäre?
Ich wäre auf Tournee mit meinem neuen Kabarettprogramm «Der Suboptimist». Immerhin die Premiere im La Cappella Anfang März konnte ich noch machen, daher weiss ich auch, dass es auf der Bühne funktioniert. Es plagt mich, dass jetzt keine weiteren Auftritte möglich sind. Dabei vermisse ich eigentlich nicht einmal unbedingt die Auftritte selbst.

Sondern?
Das ganze Drumherum, der Austausch mit dem Publikum nach der Show, das fehlt mir sehr. Das fehlende Sozialleben geht mir überhaupt an die Nieren: Vor einigen Tagen habe ich, um das Problem etwas zu lindern, bei mir zu Hause einen Sofa-Slam veranstaltet. Ohne Online-Übertragung, ohne Publikum. Wir waren uns für einmal selbst genug. Zwei Slam-Poeten mit genügend zwischenmenschlichem Abstand sassen in meiner Stube. Aber das war ja nur ein Abend von so vielen. Am liebsten lenke ich mich von diesem Elend mit einer gros­sen Dosis Liveticker ab.

So alle zehn Minuten mal schauen, wie sich die Zahlen entwickeln?
Genau. Und eigentlich sollte ich ja das mit dem Homeschooling auf die Reihe kriegen ...

Auf Instagram erhält man den Eindruck, dass Sie Ihre drei Kinder mit viel Kreativität daheim unterrichten.
Ach was. Ich bin komplett überfordert von diesen Erwartungen, die jetzt an Eltern gestellt werden. Zehn verschiedene Passwörter für sieben verschiedene Lernplattformen, sowas kann sich doch niemand merken. Ein Einzelkind wär jetzt gut. Immerhin: Meine Gefährtin und ich wohnen in verschiedenen Wohnungen, die Kinder sind daher die Hälfte der Woche bei ihr und die andere Hälfte bei mir. Und sie ist definitiv die Hauptschulleiterin. Aber auch ihre gesamte Kompetenz kann nicht verhindern, dass unsere Kinder ihre Freundinnen und Freunde vermissen. Und während sie und ich relativ entspannt sind, was den Schulstoff angeht, machen sich die Kinder grosse Sorgen, dass sie etwas Wichtiges im Lehrplan verpassen. Ich sage ihnen aber immer wieder: Ihr verpasst nichts, man lernt auch viel Gutes per Zufall auf Youtube. Oder beim Vater: Einfach zuschauen, wie er so durch den Tag geht.

Wenn Sie nicht gerade Ihre Kinder zu unterrichten versuchen: Gibt es andere Projekte, denen Sie sich jetzt widmen?
Oh, die gäbe es schon, aber ehrlich gesagt habe ich jetzt gar nicht den Kopf dafür. Abgesehen davon erlebe ich im Moment, wie sicher viele andere Kulturschaffende auch, so einen Aktionismus vom Gröbsten: Täglich erhalte ich Anfragen für Podcasts und Kunstprojekte mit dem Vorschlag, doch etwas beizusteuern. Das finde ich furchtbar, ich will doch jetzt nicht auf die Schnelle ein paar schlechte Sätze raushauen, die dann im Internet verewigt werden. Ich bin Schriftsteller, ich will mir Zeit nehmen für einen Text. Aber eben, das ist gerade schwierig. Ich jammere viel, oder?

Nicht mehr als andere.
Dann ist gut. Ich meine, heute ging ich kurz einkaufen und auf dem Weg zum Laden sah ich einen Typen auf seinem Balkon tanzen. So richtig wild, mit Musik. Und normalerweise würde ich schnell weiterlaufen und mir sagen: «dem spinnts», aber heute habe ich meinen Daumen hochgehalten. Ich habe ihn ia ermutigt. Da sind wir jetzt.

Gibt es trotzdem noch Dinge, die Sie zum Lachen bringen?
Ich bin ein melancholisches Wesen. Mich bringen vor allem Dinge zum Lachen, die eigentlich zum Weinen sind. Im Bereich Entertainment komme ich daher im Moment keineswegs zu kurz.

www.christophsimon.ch

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