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Die neue Normalität nach dem Lockdown in Berner Beizen, festgehalten von Alexander Egger.© Alexander Egger

Die leisen Zwischentöne im lauten Weltgeschehen

Nachdenklich und neugierig verfolgte der Berner Journalist Samuel Geiser die Frühlingsmonate während der Pandemie. Sein Corona-Tagebuch «Fieber» ist soeben erschienen. «Ich dachte mir: ‹So etwas erlebe ich nur einmal›.» Der Berner Journalist Samuel Geiser war soeben 70 Jahre alt geworden, als die Schweizer Regierung am 16. März die «ausserordentliche Lage» ausrief. Geiser beschloss, von nun an täglich seine Gedanken und Eindrücke festzuhalten. Unter dem Titel «Fieber: Ein Journal in Zeiten von Corona» ist sein Tagebuch mit Fotografien von Alexander Egger Anfang Oktober erschienen. Für Geiser war und ist diese Pandemie «eine Zäsur», aber eine, die er, wie er sagt, bewusst mitverfolgen wollte. Der pensionierte Journalist war es gewohnt, täglich mehrere Zeitungen zu lesen. Aber die Geschwindigkeit, mit der die News in diesen Frühlings- und Frühsommermonaten heranrollten, forderte auch ihn: «Ich wollte in dieser Nachrichtenflut einen eigenen Standpunkt finden», sagt er.

Solidarität im Quartier

Mit wachen Augen beobachtet Geiser sowohl die Veränderungen in seinem eigenen Alltag als auch jene Umwälzungen, die tausende Kilometer entfernt geschehen. Er nimmt das plötzlich lauter gewordene Pfeifen der Vögel wahr, die fast menschenleeren Trams und die Solidarität, die Menschen in seinem Wohnhaus und seinem Quartier nun über den Balkon hinweg zum Ausdruck bringen. Er, der auf einmal zur Risikogruppe gehört, stellt fest: «Ü65 ist nicht nach Belieben definierbar – auch nicht von uns Superindividualisten, uns Altachtundsechzigern.» Treffend beschreibt Geiser die langsam einsetzende Lockdown-Lethargie und fragt, ob wir «alle langsam grantig» werden. Selbstmitleid gibt es hier keines, dafür viele offene, gute Fragen. Geiser gelingt es, treffend diese ­desorientierenden Wochen zu beschreiben und dabei auch die Perspektive zu wechseln: Als Pensionär mit einer geräumigen Altbauwohnung könne er es sich durchaus gemütlich machen in der Stube, schreibt er, aber alleinerziehende Mütter mit schulpflichtigen Kindern, Pflegefachfrauen oder Migros-Angestellte hätten dieses Privileg wohl kaum. «Es war mir wichtig, immer wieder festzuhalten, dass ich nicht der Nabel der Welt bin», so der Autor. Mit dem Tagebuchschreiben hat Geiser seit Beginn seines Experiments nicht mehr aufgehört. «Wer weiss», sagt er, «vielleicht kommt Ende dieses Jahres dann noch der zweite Band.»

Samuel Geiser «Fieber: Ein Journal in Zeiten von Corona», 2020
Stämpfli Verlag
www.staempfliverlag.com

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