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Adelheid Duvanel, in den 60er Jahren im Café Atlantis.© ZVG

Dichte der Enge

Scheinbar schicksallose Menschen mit kalten Seelen und zerknautschten Gesichtern. Über solche hat die lange verkannte Basler Autorin Adelheid Duvanel geschrieben. «Vroni passt auf, dass sie nicht in die tiefstehende Sonne hineinfährt.» Auf Sprachlogik Versessene würden vielleicht abschätzig Stilblüten ausmachen. Aber das Schöne und Spannende an Literatur – insbesondere derjenigen der lange verkannten Adelheid Duvanel (1936–1996) ist eben dieses Spiel mit Irritation, aber auch Komik und feiner Ironie: Die leise, aber selbstsichere Kreation neuer Bilder, eine
Sprache, in der die Grenze zwischen belebter und unbelebter Materie verschwimmt, ein Schreiben, das die innere und äussere Enge aus vielen Blickrichtungen analysiert. So erzählt sie etwa von Ines, «die von sich denkt ‹ich dachte immer, ich sei ein Mensch, der kein Schicksal hat›», oder von einem Frauengesicht, das «einer sich öffnenden Ledertasche» gleicht.

Gefährdet, lebensuntüchtig

Die Basler Autorin, von der im Sammelband «Fern von hier» erstmals sämtliche Erzählungen und Kurztexte publiziert wurden, ist eine Meisterin der Stilblüten und Bildbrüche, die aber präziser schneiden und verwunden als jedes frischgeschliffene Messer. Was ebenfalls ins Auge fällt, ist Duvanels Gabe, aus der knappen Form grosse Universen über enge Verhältnisse heraufzubeschwören. Diese hat – nebst ihren wiederholten Klinikaufenthalten – den Vergleich mit Robert Walser nach sich gezogen. Die mittlerweile verstorbene Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger hiess sie schon vor Jahren einen «Schweizer Geheimtipp», und auf «SRF» wird heute von ihrem «zartbitteren Tonfall» und der «Behutsamkeit, mit der sich die Autorin den Gefährdeten und Lebensuntüchtigen widmet» geschwärmt. Wie könnte man anders, wenn einem alle paar Seiten ein Robert begegnet mit einer stets zur Faust geschlossenen Hand: «Niemand weiss, dass er in ihr das perlende Lachen seiner Schwester aufbewahrt.»

Seelen von Hand wärmen

Hoch poetisch und gleichzeitig völlig unverblendet ist ihre Sprache, mit der sie der harten Realität marginalisierter Existenzen – meist Kinder, Frauen, psychisch Kranke und Süchtige – so nah kommt, dass man beim Lesen das Buch etwas weiter von sich halten möchte. Oder es sich ans Herz legen und wärmen möchte – um Willibald mit den zu kleinen Händen zu helfen, der sich wünscht, dass ihm jemand seine Seele in den Fingern wärmt.

Adelheid Duvanel: «Fern von hier. Sämtliche Erzählungen»
Limmat Verlag, 2021
www.limmatverlag.ch

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