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Thomas Soraperra setzt auf die gute Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern.© ZVG
Kunstmuseum Bern/Zentrum Paul Klee

«Das Original erleben»

Thomas Soraperra, kaufmännischer Direktor von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee, beantwortet Fragen zu Planung und Finanzen in Zeiten von Corona und äussert sich zu wichtigen Projekten von KMB und ZPK.
Corona hat uns weiterhin im Griff. Trotz weitgehenden Lockerungen bestimmt das Virus unseren Alltag. Und mehr und mehr setzt sich die Meinung durch, dass uns Corona noch lange begleiten wird. Ist da so etwas wie Planung überhaupt noch möglich?
Eine genaue Planung ist in dieser Situation tatsächlich schwierig. Wir haben in den letzten Monaten in beiden Institutionen unsere gesamten Ausstellungs- und Veranstaltungsplanungen umgestellt und sehr schnell gelernt, uns auf sich immer wieder ändernde Rahmenbedingungen einzustellen. Dies wäre ohne den grossartigen Einsatz und die hohe Flexibilität unserer Mitarbeitenden nicht möglich gewesen.

Sollte man angesichts der verbreiteten Unsicherheit und Angst, überhaupt unter die Leute zu gehen, nicht besser die Museen einfach geschlossen lassen?
Auf gar keinen Fall. Gerade in Krisenzeiten können Kunst und Kultur neue Sichtweisen und Denkanstösse bieten. Sie können Zuversicht stärken, Impulse geben, Perspektiven aufzeigen. Auch das ist unser Auftrag. Aus diesem Grund haben wir unsere beiden Häuser Anfang Mai, gleich nachdem es wieder möglich war, geöffnet. Die Erfahrungen seither haben gezeigt, dass wir einen sicheren, angenehmen und anregenden Aufenthalt in unseren Ausstellungen bieten können. Und wie sehr das unsere Besucherinnen und Besucher schätzen, zeigen die zahlreichen positiven Rückmeldungen, die wir in den vergangenen Wochen erhalten haben.

Dazu kommt doch, dass die aus­ländischen Besucherinnen und Besucher ausbleiben und die Schweizer Urlauber die Ruhe auf dem Land oder in den Bergen suchen. Wie sehen die aktuellen Eintrittszahlen in KMB und ZPK aus?
Das stimmt so nicht ganz. Natürlich gehen im Sommer die Menschen eher bei schlechtem Wetter ins Museum. Unsere Ausstellungen – «El Anatsui» im Kunstmuseum und «Lee Krasner» im Zentrum Paul Klee – sind derzeit gut besucht. Auch kommen vermehrt wieder Touristinnen und Touristen vor allem aus Deutschland zu uns. Bei den Eintrittszahlen liegen wir schon deutlich unter Plan, aber ich bin zuversichtlich, dass wir hier noch zulegen werden.

Finanziell wird 2020 ja sowieso ein Jahr zum Vergessen. Müssen wir uns für die kommenden Jahre auf retrospektive Ausstellungen mit Werken aus der eigenen Sammlung einstellen?
2020 wird finanziell sicher ein sehr schwieriges Jahr für uns. Wir haben sofort Sparmassnahmen eingeleitet, Projekte abgesagt bzw. verschoben und grosse Ausstellungen verlängert. Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee sind Kulturinstitutionen mit nationaler und internationaler Strahlkraft. Deshalb wollen wir auch weiterhin grosse Wechselausstellungen zeigen. Um Kosten zu sparen, werden wir dabei sicher noch stärker internationale Kooperationspartner suchen, um solche Ausstellungen gemeinsamen zu realisieren. 2021 wird es zum Beispiel eine grosse Kooperation mit dem Museum of Modern Art, New York und der Menil Collection in Houston geben. 2022 planen wir eine Kooperation mit dem Museum Ludwig in Köln und dem Barbican Center in London.

Sie sind als Kaufmännischer Direktor für die Sparten Marketing, Kommunikation, Personal, Events und Besucherdienste, aber vor allem auch für die Finanzen zuständig. Ist Sparen unausweichlich?
Das ist sicher so. Wie gesagt, haben wir bereits dieses Jahr Sparmassnahmen umgesetzt. Schwierig bleibt es vor allem beim Vermietungs- und Tagungsgeschäft im Zentrum Paul Klee. Seit dem Lockdown Mitte März sind da die Einnahmen weggebrochen. Und wie alle anderen wissen wir nicht, wie sich der Herbst entwickeln wird. Der Bund und der Kanton haben in dieser Phase schnell reagiert und den Kulturinstitutionen und Kulturveranstaltern Ausfallentschädigungen in Aussicht gestellt. Wir hoffen, dass wir damit in diesem Jahr die grössten Ausfälle etwas ausgleichen können. Sicher wird auch 2021 finanziell ein sehr herausforderndes Jahr.

Ein Blick zurück: Seit bald vier Jahren leiten Sie zusammen mit Nina Zimmer die beiden grössten Berner Museen. Frau Zimmer wird immer gerne als Superdirektorin bezeichnet. Sind Sie der Kaufmännische Superdirektor?
Attribute wie «super» werden in der Werbung gebraucht, sind hier aber völlig unangebracht. In den vergangenen vier Jahren konnten wir das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee näher zusammenführen, stärker regional und international positionieren und Programme und Prozesse besser aufeinander abstimmen. Auch haben wir in den vergangenen Jahren in beiden Häusern operativ schwarze Zahlen geschrieben. Es freut mich, für diese beiden tollen Kulturinstitutionen im Kanton Bern arbeiten zu können.

Trotzdem werden das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee vom Publikum auch heute noch als zwei eigenständige Museen wahr­genommen.
Das ist so beabsichtigt. Mit der Gründung der Dachstiftung 2015 war ja keine Fusion geplant. Die beiden Häuser sollen weiterhin als eigenständige Institutionen wahrgenommen werden. Zudem ist das Zentrum Paul Klee nicht nur ein Museum, sondern ein Mehrspartenhaus mit grossartigen Musik- und Literaturprogrammen und einem innovativen Agrikulturprojekt, in dem Natur und Kultur miteinander verbunden werden. Und es ist eine preisgekrönte Veranstaltungslocation, in der man sich z. B. für Tagungen, Symposien, Konzerte einmieten kann.

Mit «Paul&ich» haben Sie im Zentrum Paul Klee ein Community-Building-Projekt gestartet. Was kann man darunter verstehen?
Mit «Paul&ich» wollen wir – unterstützt vom Förderfonds Engagement Migros – mit der Bevölkerung einen Austausch auf Augenhöhe anregen und gemeinsam mit den Bernerinnen und Bernern das Zentrum Paul Klee weiterentwickeln und lokal stärker verankern. Kurz vor der Coronabedingten Schliessung haben wir im Februar eine Ideenwerkstatt mit Personen aus der Umgebung durchgeführt, die auf grosses Interesse gestossen ist. Der Projektleiterin Eva Grädel ist es in den vergangenen Monaten trotz den Einschränkungen durch Covid-19 gelungen, die Kontakte zu den umliegenden Quartieren mit digitalen Angeboten zu intensivieren. Wir freuen uns schon auf den nächsten physischen Austausch, der hoffentlich ab Herbst möglich sein wird.

Stichwort digitale Angebote. Viele Museen haben während der Schliesszeit das digitale Angebot ausgebaut. Können digitale Angebote den Ausstellungsbesuch ersetzen?
Wir Menschen wollen das Original und dessen Aura erleben. Diese Faszination kann nicht durch digitale Angebote ersetzt werden. Die digitale Welt ermöglicht uns aber, den Ausstellungsbesuch zu erweitern und zu ergänzen. So bieten wir im Kunstmuseum z. B. eine virtuelle Führung für Kinder mit Ueli Schmezer durch die Ausstellung «El Anatsui» an. Im Zentrum Paul Klee sind wir vor kurzem mit unserem ersten Digitorial zur Herbstausstellung «Mapping Klee» online gegangen. Durch die Verbindung von Bild, Text und Ton werden die Reisen von Paul Klee neu erzählt. Mitte August werden wir dazu auch noch eine Podcast-Reihe veröffentlichen. Auch dieses Projekt können wir nur mit externer Unterstützung durch Engagement Migros realisieren.

Seit dem gemeinsamen Amtsantritt von Nina Zimmer und Ihnen ist zwar einerseits Ruhe eingekehrt in der Dachstiftung KMB/ZPK. Andererseits gibt es noch einige Baustellen. Ist die Causa Gurlitt eigentlich abgeschlossen? Sind noch Prozesse hängig? Kommen noch Geldforderungen auf Sie zu?
Die Causa Gurlitt ist keine Baustelle, sondern ein wichtiges Projekt für das Kunstmuseum Bern. Wir haben als erstes Schweizer Museum eine eigene Abteilung für Provenienzforschung aufgebaut. Damit wollen wir auch Verantwortung übernehmen. Ob noch Geldforderungen auf uns zukommen, wissen wir derzeit nicht. Auf jeden Fall freuen wir uns über jedes von Hildebrand Gurlitt unrechtmässig in Besitz gebrachte Kunstwerk, das wir restituieren können.

Ein weiteres Problemfeld ist, dass sich die Stadt Bern ja schon vor Corona in ein Defizit hineinmanövriert hat. Die Berner Regierung hat bereits Sparmassnahmen angekündigt, die auch vor der Kultur nicht Halt machen sollen. Sind sie mit den Subventionsgebern schon am Verhandeln?
Unser alleiniger Subventionsgeber ist der Kanton Bern. Dieser hat in der Coronakrise sehr schnell reagiert und Kulturinstitutionen und Kulturveranstaltern Ausfallentschädigungen in Aussicht gestellt. Wir sind laufend mit allen verantwortlichen Personen in Kontakt und haben uns gerade auch während dieser Krise sehr gut abgestimmt.

Beyeler in Basel lockt mit Edward Hopper, die Fondation Gianadda in Martigny mit Albert Anker, das Kunsthaus Zürich blickt mit «Schall und Rauch» zurück auf die 1920er-Jahre. Welcher Highlights wegen soll man diesen Sommer das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee besuchen?
Wir zeigen diesen Sommer im Kunstmuseum mit «Triumphant Scale» die erste grosse Retrospektive des ghanaischen Künstlers El Anatsui in der Schweiz, die von Kritik und Publikum beinahe euphorisch gefeiert wird. Und im Zentrum Paul Klee zeigen wir mit Lee Krasner eine Künstlerin, die in der neueren Kunstgeschichte zuerst beinahe vergessen wurde und nun als wichtigste Vertreterin des amerikanischen Expressionismus gilt. Das ist doch Grund genug, unsere Häuser zu besuchen.

 

Thomas Soraperra
Der 54-jährige Vorarlberger studierte Politik- und Medien­wissenschaft. Er leitete die Kommunikations- und Marketing­abteilung der Kunsthalle Wien im Wiener Museumsquartier, war Geschäftsführer des Feldkirchfestivals und zudem für das Stadtmarketing verantwortlich. Vor seiner Übersiedelung nach Bern vor vier Jahren war er Kaufmännischer Direktor des Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz.

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