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Reichen erzählt in «Auf der Strecki» von denen, die am Rand stehen geblieben sind. © Philip Delaquis
Botanischer Garten, Bern

Am Rand der Lebensrennstrecke

Roland Reichen berichtet in seinem neuen Roman «Auf der Strecki» einmal mehr von Schicksalen, die sich am Rand der Gesellschaft befinden.

Veranstaltungsdaten

DO 06.08.2020 19.00

«Unsere Ausgangslage war allerdings nicht gerade gut. Ich selber hatte noch zwei Zwänzgi und vier Zigi, das Rehli drei Fünfliber Krankentaggeld. Es wollte trotzdem zuerst an die Hodleren» beschreibt der Süchtige die Situation, als er mit seiner Freundin aus der Insel türmt. Dann muss sie halt wieder auf den «Wackel» neben der kleinen Schanze, anschaffen gehen, obwohl ihr von der Operation noch vier Schläuche aus dem Hals hängen.

Nicht «unsere Preisklass»

In seinem neuen Roman «Auf der Strecki» beschreibt der Berner Autor Roland Reichen («Sundergrund») schonungslos von Gewalt, Armut und Sucht gebeutelte Schicksale. Etwa den Ausflug nach Monza ans «Formu Eis-Rennen», der ein Sohn mit seinem «Vättu», einem sturen, groben Tyrannen in desolatem Gesundheitszustand, unternimmt. Dort angekommen wird schnell klar, dass sie wohl nicht sehr viel von der Rennstrecke sehen würden: «Formu Eis ist Fernsehsport. Zumindest für unsere Preisklass», weiss der Sohn. Seine Liebe zum Rennsport manifestierte sich bereits als Kind: «Die Formu Eis, die bot mir die ungeahnte Möglichkeit, offen gegen Vättu zu sein, ohne dafür automatisch auf den Ranzen zu überkommen».

Auch die anderen Charaktere im Buch bleiben im gesellschaftlichen Leben auf der Strecke. Etwa der Drogensüchtige Sersch, den seine sogenannten Kollegen bestehlen und ausnutzen und der Freundschaft mit seinem neuen Nachbar Ibrahim schliesst, dann aber völlig überfordert damit ist, dessen Kater zu füttern.

Bekannte Berner Schauplätze

Die massenhaft eingestreuten Helvetismen in «Auf der Strecki» evozieren einen ungewohnten Leserhythmus. Dennoch sind die gut 100 Seiten locker in einem Zug zu lesen, was nicht zuletzt daran liegt, dass man trotz des harten Stoffes aufgrund der irrwitzigen Situationen, in welche sich die Erzählenden stets befördern, immer wieder Schmunzeln muss. Auch, dass sie sich an für uns Bernerinnen und Berner bekannten Orten wie etwa im «Tscharni», der Contact-Anlaufstelle «Hodlere» oder beim «Loebecken» bewegen, lässt eine Art Verbundenheit entstehen.

Inspiriert werde Reichen von den Geschichten der Menschen in seinem Umfeld, die teils selber in sehr prekären Verhältnissen leben, wie er im Interview mit Radio RaBe sagte. «Ich versuche der Leserschaft einen Einblick in das Leben von Leuten zu geben, die in der Schweiz am Rand stehen.» In seinem Buch «Druffä» rückte er mit dem Fotograf Jonathan Liechti das Schicksal seines Bruders Peter, der seit 25 Jahren süchtig ist, ins Licht.

Roland Reichen «Auf der Strecki», 2020
Der gesunde Menschenversand
www.menschenversand.ch

Events zu diesem Artikel

Worte

Roland Reichen: «Auf der Strecki»

Sommer-Lesung unter freiem Himmel, auf der lauschigen Farnhausterrasse. Moderation: Guy Krneta  Botanischer Garten (BOGA), Bern 06.08.2020, 19.00

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