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Pegelstand

von Barbara Boss
© Rodja Galli, a259

Barbara Boss

Barbara Boss ist Produktionsleiterin für die freie Theaterszene und arbeitet nebenbei in der Pflege. Sie ist ein «Bärgmeitschi» aus dem Oberland, fühlt sich aber auch in der Stadt Bern heimisch. Sie mag guten Schnaps, Bruce Springsteen und Katharsis.

Wir müssen reden. Über Geld. Die Kolumnistin hat sich im letzten Jahr pandemiebedingt für ihr Gusto zu ausgiebig mit dem leidigen Thema beschäftigt und muss zur Läuterung ein, zwei Gedanken loswerden.

Seit einem Jahr herrscht in der Kultur Ausnahmezustand, im Kanton Bern beinahe durchgehendes Berufsverbot. Kein bis wenig Einkommen, Planungsunsicherheit, Existenzangst. Laut einer Umfrage von Kultur Stadt Bern genügt die Unterstützung von Bund und Kantonen den Arbeitsrealitäten des Kultursektors nicht. Ein Viertel der Befragten gibt der Krisenhilfe das Prädikat «schlecht». Die  Kolumnistin war kurz dazu verleitet «sehr schlecht» anzuklicken. Noch besser: «ungenügend, unlogisch, unnötig kompliziert». Warum? Weil die Kolumnistin als projektbasiert befristet angestellte Produktionsleiterin im freien Theater für ausgefallene Vorstellungen im Herbst 2020 zum Teil noch keine Entschädigung erhalten hat – und dies womöglich auch nie tun wird, und wenn, dann erst im kommenden Sommer. Weil sie für die  Ausfälle, die entschädigt wurden, höchstens 80 % des geplanten Lohnes gekriegt hat, was bei ohnehin tiefem Einkommen einfach nicht reicht. Weil das Parlament Kurzarbeit für befristete Angestellte von Oktober bis Januar verboten hat. Weil die Abläufe bei einem Antrag auf Ausfallentschädigung zu träge, zu bürokratisch sind. Weil Kulturunternehmen nicht bis ins letzte Detail belegen müssen sollten, was an Einkommen ausfällt und wie ihre Erfolgsrechnungen der letzten drei Jahre aussehen – sondern einfach entschädigt werden sollten für die Lohnarbeit, die ihnen behördlich untersagt ist, und zwar zu 100 %. Ganz grundsätzlich: Weil nicht die Kulturszene in der Bringschuld ist, sondern der Staat.

Letzten Frühling hätte sich die Chance geboten, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu testen. Zum Beispiel 2500 Stutz für alle, also wirklich alle – und wer mehr braucht für den Lebensunterhalt, belegt das und kriegt auch mehr. Und wer nicht darauf angewiesen ist, kann verzichten. Vielleicht ist das zu utopisch. Aber im Kanton Zürich gibt es emel jetzt auch nach einigem Hin und Her mit dem BAK ein Ersatzeinkommen für Kulturschaffende – allerdings nur für Selbstständige, was wieder viele durch die Maschen fallen lässt.

Ehrlich gesagt hat die Kolumnistin keine Ahnung, wie ihre Kulturkolleg*innen finanziell überleben. Vielleicht brauchen sie ihr Erspartes auf. Womöglich helfen Freunde und Familie. Und einmal mehr ist es wohl so, dass sich die oberen zwei Drittel keine Sorgen machen müssen. Der Klassismus durchdringt auch die Kulturszene. Wer auf Vermögen zurückgreifen kann, ist safe. Auch auf institutioneller Ebene zeigt sich, dass es vor allem die Kleinen trifft. Wenn nicht bald was geschieht, dann verliert die Kultur entscheidend an Diversität. Die ersten Kürzungen in städtischen Budgets stehen an. Die Kolumnistin wünscht sich, dass diesmal nicht nur die Grossen gewinnen.

In diesem Sinne: «Denä wos guet geit, giengs besser» u so.


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