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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei 
t.Bern, dem Berufsverband fürs freie 
professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

Ich trat einer Nachbarschafts-Hilfsplattform bei und half, tauschte oder lieh mir und anderen Nützliches aus. Ich lernte dadurch neue Leute kennen, die ich sonst wohl nie getroffen hätte. Ich verabredete mich anstatt auf einen Kaffee oder Wein im Restaurant zu einem Spaziergang. Ich führte so wieder mehr persönliche Gespräche mit mir lieben Menschen nur zu zweit. Ich lernte in Windeseile Onlinetools kennen und anzuwenden. Ich studierte Pflanzenkataloge, säte und pflanzte. Ich kümmerte mich um zwei Wollschweine. Ich fing an zu basteln. Ich schrieb Postkarten und Briefe, von Hand. Ich kriegte viel Post zurück, auch mit handgeschriebener Adresse. Ich wartete auf die morgendliche Postzustellung. Ich reichte zum ersten Mal die Steuererklärung frist-gerecht ein. Ich las Bücher, die sich ungelesen bei mir gestapelt hatten. Ich entdeckte die Gedichte meines Gross-vaters, in denen er unter anderem seine Erfahrungen als Verdingbub vor 100 Jahren im Emmental festhielt. Ich verlängerte mein Generalabonnement der SBB nicht nahtlos. Ich verbrachte ein Jahr lang ausschliesslich auf Schweizer Boden. Ich liess mir zum ersten Mal ein Dreigangmenü von einem Restaurant nach Hause liefern. Ich verbrachte gefühlt ganze Tage, wenn nicht Wochen vor dem Computer. Ich liess meine Rückenschmerzen von einer Physiotherapeutin behandeln. Ich war nur dreizehnmal im Theater, und dreimal vom eigenen Wohnzimmersofa beim Livestream mit dabei. Ich sah zum ersten Mal den Staub am Boden, bevor er sich in Staubmäuse verwandelte. Ich war an zwei Konzerten und an einem Geisterfestival. Ich ging viermal ins Kino. Ich löste ein Netflixabo. Ich war an keiner Lesung. Ich schwieg für die Kultur. Ich verpasste kein einziges Mal den letzten Bus oder den letzten Zug. Ich feierte den runden Geburtstag eines guten Freundes über eine Zuschaltung via Youtube-Kanal. Ich sagte Verabredungen ab. Ich sagte Proben ab. Ich organisierte um. Ich plante neu. Ich war oft müde und wusste nicht, wovon. Ich schlief viel aus.

Das alles tat ich in den letzten Monaten. Vieles hätte ich lieber nicht getan.


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