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Pegelstand

von Madeleine Corbat
© Rodja Galli, a259

Madeleine Corbat

Madeleine Corbat ist Produzentin bei Recycled Tv in Bern und Präsidentin des Vereins Cinéville / Kino Rex.

Es sind schwierige Tage für Bern, und für einmal nicht nur aus pandemischen Gründen. Die Fusion der Redaktionen von Bund und BZ ist bitter, ein Verlust mit Ansage. Es schleckt keine Geiss weg, dass die klassischen (Print-)Medien längst auf der Intensivstation liegen – ein Umstand, zu dem wir alle unseren Beitrag geleistet haben. Neue Medien und neues Medienverhalten bringen längst alte Strukturen zum Bröckeln, und gerade wächst eine Generation von jungen Menschen heran, die lernt, viele journalistische Leistungen fatalerweise gratis zu konsumieren, und die einen doch eher freien Umgang mit Urheberrechten pflegt. Beigebracht haben wir es ihr.

Die aktuelle Krise und der Einbruch der Werbeeinahmen haben zweifellos kaum geholfen, doch die Zürcher Mediengruppe, die schweizweit das grösste mediale Zepter in der Hand hält, küsst dem Kapitalismus weiter die Hand, zahlt Dividenden aus und investiert lieber in Online-Verkaufsplattformen (gibt Geld) anstatt in bestehende journalistische Formen (kostet Geld). Das ist enttäuschend, sehr sogar, wenig sympathisch und dem Anti-Züri-Effekt äusserst zuträglich.

Schliesslich werden einige sehr fachkundige Journalistinnen und Journalisten aus den verschiedenen Ressorts ihren Job verlieren – im besseren Fall wechseln -, grosses Know-how geht verloren, die Kulturberichterstattung etwa wird noch reduzierter. Es gibt keine zwei unterschiedlichen Kritiken zu Oper, Theater oder Konzerten mehr. Das ist bitter für die Häuser und die Kulturschaffenden, doch auch hier sei die Frage erlaubt – finden die Diskussionen nicht längst häufig in den sozialen
Medien statt? Haben immer alle beide Kritiken gelesen - und fürs Lesen bezahlt? Und immerhin: Mit der neuen Leiterin des Ressorts Kultur, Regula Fuchs, bleibt eine äusserst engagierte und kompetente Journalistin am Dammweg, die über ein Gespür fürs Berner Kulturschaffen verfügt.

Wenn also der Züri-Schock erst einmal überwunden ist, muss Bern wieder auf die eigenen zwei Beine stehen und versuchen, die bereits vorhandenen anderen Publikationen zu stärken. Das heisst auch, fürs Lesen zu bezahlen –, oder den neuen, die in der Pipeline sind, eine Chance zu geben. Damit der «Einheitsbrei» nicht das einzige mediale Menü der Bundesstadt bleibt.


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