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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Polemisieren gegen Kulturschaffende? Ich nehme den Ball der Kolumnistinnen Madeleine Corbat und Barbara Boss auf, und möchte die Empörung in den sozialen Medien auch gleich relativieren. Die Entgegnungen entsprechen dem üblichen Schema: Kulturschaffende leisten «ihren Beitrag zum Nachdenken und Debattieren über unsere Gesellschaft» (Corbat). Wer Kultur schafft, «geht mit offenem Herz und wachen Augen durch unsere Zeit und kreiert aus den Beobachtungen etwas Bedeutsames …» (Boss).

Mir scheint das die Selbstüberschätzung zu illustrieren, die dem Narrativ vieler Kulturschaffender eigen ist. Raumpflegerinnen gehen auch mit offenem Herz und wachen Augen durch unsere Zeit, und Gewerbe­treibende leisten auch ihren Beitrag zum Nachdenken und Debattieren über unsere Gesellschaft. Sie schöpfen genauso aus alltäglicher Erfahrung im Umgang mit Menschen, und auch sie versuchen daraus allgemeinere Regeln eines produktiven Zusammenlebens abzuleiten. Und an den Subventionen und Staatsaufkommen für Bauern, Lehrerinnen, Politiker und Touristikerinnen wird genauso herumgemäkelt wie an den Kulturtöpfen.

Der Hang zur Überempfindlichkeit mag in der Kulturszene mit einer allgemein höheren Empfindlichkeit zusammenhängen, die Teil des kreativen Handwerks ist. Kulturschaffende schaffen Kultur allerdings in erster Linie für ihre eigene soziale Gruppe, das gilt für Pipilotti Rist oder Samir genauso wie für Gölä, Rolf Knie oder Francine Jordi. Die tendenziell urban-linken unter den Kreativen – um auch dieses Klischee zu bedienen – nehmen für sich aber immer wieder Deutungshoheit in Anspruch und sind dann betupft, wenn widersprochen wird. Ich würde Barbara Boss beipflichten: Man sollte das Gespräch suchen. Aber nicht wie so oft im gönnerhaften Missionarston, sondern vor allem mit offenen Ohren.

 

 


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