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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t. Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

Meine Pegelstand-Kollegen haben bereits darüber sinniert, wie mit polemisierenden Stimmen gegen Kultur umgegangen werden soll. Wie verhalten wir uns, wenn wir als Kulturschaffende wieder einmal nicht in der uns (selbst) zugeschriebenen Aufgabe, die Gesellschaft zu hinterfragen, wertgeschätzt werden? Kultur meint im weitesten Sinne alles von Menschen Geschaffene und Gestaltete, zum Beispiel auch, wie und was ich esse. Dies beinhaltet auch, welches Besteck ich wie benutze, wenn ich Essen zerkleinere, bevor ich es mir einverleibe. In Südostasien beispielsweise ist es verpönt, so was wie eine Gabel in den Mund zu führen. Und früher waren bei uns Messer bei Tisch verboten. Wir hätten uns ja gegenseitig umbringen können! Das Verständnis von Kultur ist also sowohl im Alltag historisch und sozial wandelbar als auch in Gesellschaften und sozialen Gruppen.

Meinen wir in der Debatte, wenn wir von Kultur sprechen, nicht eher Kunst? Die Kunst, in der immer noch oft in der Differenzierung von Hoch- und Populärkultur gedacht wird? Die Kunst, die es verdient, als wichtiger gesellschaftlicher Beitrag gelesen zu werden, indem sie reflektiert, dekonstruiert, verhandelt? Oder war ich schon eine Künstlerin, als ich mich als Kind standhaft weigerte, die zu grossen in der Sauce schwimmenden Salatblätter mithilfe der Gabel in der einen und einem Stück Brot in der anderen Hand zusammenzufalten? Ich zerkleinerte sie mit dem Messer – als Protest gegen die Ess-Kultur meiner Eltern – um sie anständig und ohne meinen Pulli zu verkleckern, in meinen Mund führen zu können. Habe ich künstlerisch ihr Kulturverständnis aufgeweicht?

Kultur trägt zur individuellen und kollektiven Identitätsbildung bei. Inter-, multi- und transkulturelles künstlerisches Schaffen ist momentan voll angesagt. Vielleicht fange ich nochmals mit dem Salat an – zu Beginn intrakulturell, im eigenen Kuchen. Ä Guete!

 

 


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