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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter der HKB und co-leitet pakt bern – das neue musik netzwerk. Er pendelt zwischen Aare, Rhein und Schüss.

Diesen Text, es ist mein 50. Pegelstand, widme ich Sarah Sartorius, die die Kulturagenda per Ende Jahr verlässt. Wir Kolumnist*innen haben gerne mit Dir zusammengearbeitet. Nun also adieu.

Aber wo stehen wir? Geduckt und geduldig schicken wir uns in die Jahresenddepression. Nachdem die Berner Kulturszene mit der Lichterkette ein solidarisches und vom Kanton Bern erhörtes Zeichen gesetzt hat, wird die Kultur zwei Wochen später vom Tisch gefegt. Gebannt wartet die Nation auf die pandemischen Auflagen der leidlich gut Klavier spielenden Bundesräte Berset und Sommaruga. Einmal mehr gibt es der Kultur dabei eines auf die Schnauze. In die Kneipe darf man auch noch, aber nur so lange, bis es lustig werden könnte. In der Jahresbilanz scheint das alles kein Ende zu nehmen. 1. Welle, 2. Welle, Kulturlockdown, shut down our life.

In Zeiten der Depression grassieren die Erinnerungen. Facebook hat diese vermaledeite Erinnerungsfunktion. Weisst Du noch, damals, in dieser Bar, in Genova, Du mit der Zigarette in der Hand? Erinnerst Du Dich an Mitte März, als Neoangin und Nova Huta, zwei Freunde aus dem grossen, auch stillgelegten Nachbarland, in Thun das letzte Konzert vor dem ersten Lockdown gaben? «Good Morning Blues». So hiess das Titelstück der ersten Platte der Oberdiessbacher Band Roy & the Devil’s Motorcycle. Das war 1996. Das Album wurde eben wiederveröffentlicht, auf Beatmans Voodoo Rhythm Records. Ich empfehle es wärmstens. Nicht nur, weil ich damals im «Bund» eine Kritik schrieb und ich heute, fast 25 Jahre später, dieses verrückt eigenbrötlerische, fantastisch lärmige und zutiefst melancholische Stück Musik immer noch überraschend gut und frisch finde. Ich empfehle dieses Album auch, weil es zugleich traurig und hoffnungsvoll macht. Traurig, weil die ganze Scheisse, die einen umgibt, endlos scheint. Hoffnungsvoll, weil Musik die ganze Scheisse vergessen machen kann, zumindest wenn sie so abgefahren, abgefuckt, leidenschaftlich, unbekümmert und neugierig ist wie die der Roys.

Das Hoffnungsvolle und Melancholische von «Good Morning Blues» soll Soundtrack Deines zukünftigen Lebens sein, liebe Sarah.


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