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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Die Coronakrise verschafft uns einen Hauch der Atmosphäre, wie sie von den zurzeit modischen dystopischen Serien und Filmen beschworen wird. Dystopien erzählen von verheerenden Katastrophen bedrohte oder zerstörte Welten. Meist terrorisieren dabei düstere Mächte kleine Gruppen anständig gebliebender Überlebender. Netflix etwa rüstet seine Kanäle momentan mit Serien und Filmen auf, in denen – Überraschung! – Pandemien die Menschheit bedrohen: unter anderem mit «La Révolution» über eine mysteriöse Krankheit im Frankreich des 18. Jahr-hunderts oder dem koreanischen Streifen «#am Leben».

Warum denn in die Ferne schweifen? Ein bedeutender Beitrag Berns zur Weltkultur waren und sind gerade auch Dystopien. Man denke etwa an Gotthelfs «Schwarze Spinne», in der die krabbeligen Viecher immer wieder ein ganzes Dorf auslöschen – als Konsequenz eines Teufelspaktes. Auch der zweite Berner Schriftsteller von Weltformat, Friedrich Dürrenmatt, hatte es mit Weltuntergangsszenarien. An Paul Nizon schrieb er einmal, er sei kein Schriftsteller, sondern ein Schlachtfeld. Und bekanntlich sah er eine Geschichte erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hatte. Ein anderer Berner Gigant, der Eisenplastiker Bernhard Luginbühl, fackelte «im Zorn» mit Vorliebe aufwendig erstellte Kunstinstallationen ab und sorgte so auf der Berner Allmend auch für einen Hauch Endzeitstimmung.

Wo, wenn nicht in Bern, muss sich da ein Virus mehr zu Hause fühlen als sonstwo auf dem Globus? Und wie sähe für die Mutzenstadt die schlimmstmögliche Wendung aus? Die bestmögliche – und angesichts bernischer Katastrophen-Affinität sehr wahrscheinliche scheint, dass Berner Kulturschaffende das ultimative Kunstwerk zur Pandemie schaffen. Dann wäre das ganze Desaster zumindest für etwas gut gewesen.


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