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Pegelstand

von Madeleine Corbat
© Rodja Galli, a259

Madeleine Corbat

Madeleine Corbat ist Produzentin bei Recycled Tv in Bern und Präsidentin des Vereins Cinéville/Kino Rex.

Was haben Schlagzeilen wie «Lesbisch sein ist ganz normal», «Wie viel Alkohol trinken Sie?» und «Legen die Behörden mit Corona-Massnahmen einen Angstteppich?» gemeinsam? Nichts, natürlich. Und doch: Es sind Titel von Nachrichten aus den Medien der letzten Tage. Gefunden wo? Unter der Rubrik, dem Schlagwort Kultur.

Im Schatten der Pandemie beschleunigt sich ein Prozess, der schon länger läuft, nun droht er sich – wortwörtlich – zu Tode, beziehungsweise in den Tod zu laufen: das leise Verschwinden der Kulturkritik, der Diskussion über Kultur, das Einordnen, die Aus­einandersetzung mit der zeitgenössischen Kulturproduktion.

Zugegeben, momentan läuft vieles auf Sparflamme, es gibt weniger Kultur­anlässe, doch das Ressort Kultur, gerade in den klassischen Medien, wird je länger je mehr zum absurden Sammelsurium zwischen Leben heute, Gesellschaft morgen, Meldungen zu Todesfällen aus der Welt der Promis und Peoplenachrichten zu Scheidungen oder bipolaren Störungen.

Die «fehlenden» Klicks auf Onlineplattformen rechtfertigen gemäss den Medienhäusern den Verkauf, die Abschaffung der Kultur in ihren Produkten. Gradmesser ist nicht mehr der Inhalt oder gar der Anspruch an Qualität, sondern eben: Klicks. Über die Klippe springen müssen Journalistinnen und Journalisten mit ausgewiesenem Wissen und der Leidenschaft für Film, Theater, Literatur, Kunst oder Musik.

Verliererinnen und Verlierer dieser Entwicklung gibt es aber viele: die Journalistinnen und Journalisten, die Kulturschaffenden und natürlich auch die Menschen, die sich für Kultur interessieren. Natürlich gibt es in vielen Kulturbereichen spezifische Publikationen, auf Papier und online, die über die jeweiligen Sparten vertieft berichten. Doch sie sind oftmals Nischenprodukte, richten sich an ein professionelles Publikum. Doch das, was die Kulturkritik auch ausmacht, geht verloren: Neues, Spannendes, Ungewöhnliches zu entdecken, gespielt, performt, gezeigt auf der internationalen Bühne - oder gleich um die Ecke.


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