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Pegelstand

von Barbara Boss
© Rodja Galli, a259

Barbara Boss

Barbara Boss ist freischaffende Produktionsleiterin und Dramaturgin. Sie ist ein «Bärgmeitschi» aus dem Oberland, fühlt sich aber in der Stadt Bern heimisch. Sie mag guten Schnaps, Bruce Springsteen und Katharsis im Theater.

Die Kolumnistin ist nicht per se zahlenaffin. Math und sie, das ist keine Liebesgeschichte.

Am Gymer war das Verhältnis sogar zuweilen «promotionsgefährdend». Davor ging es noch, mit Fleiss. Die alten Algebra-Bücher, die den Unterricht in den Bergen prägten, kann sie noch heute auswendig. Vielleicht war das so ein Rest Konservatismus, ein kleiner, rebellischer Akt gegen alles, was neu ist, der ihr in der Mittelschule im Tal beinahe zum Verhängnis wurde. Diese modernen Logarithmen gingen ihr emel nicht in den Grind. Item. Eigentlich wollte die Kolumnistin über Wahrscheinlichkeitsrechnungen schreiben. Ihre Pultnachbarin von damals, ihre ganze Klasse, würde jetzt laut lachen: «Sit wenn chasch Du das, Boss?» Aber von vorne.

Den Sommer über ging es der Kolumnistin ganz gut in ihrer Tätigkeit als Produktionsleiterin in der freien Theaterszene. Fast schon gelassen bereitete sie die kommende Saison vor.

Aber dann häuften sich die horrenden Nachrichten – von untragbaren anstehenden Kürzungen im Kulturbudget der Stadt Bern, von Performenden, die nicht in die Schweiz einreisen können, weil diese in ihrer Heimat auf der bösen Liste stehen, oder umgekehrt, von Künstlerinnen und Künstlern, die immer noch keinen müden Rappen an Erwerbsersatzentschädigung gesehen haben, von Projekten, die um zwei Jahre verschoben werden müssen.

Bei aufkommender Angst hilft meist die Strategie: Ruhe bewahren, Problem analysieren, Risiken einschätzen, weitermachen. Also fing die Kolumnistin an, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass etwas schiefgehen könnte bei den geplanten Vorstellungen. Nehmen wir ein Team von 15 Kulturschaffenden, ein Haus mit 20 Angestellten und 60 Zuschauende pro Abend, die allesamt täglich mit zig anderen Menschen zu tun haben. Da steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine*r von diesen Menschen zum Beispiel in Quarantäne muss und alle anderen mit ihr oder ihm, schnell mal ins Unendliche. Und wenn Wahrscheinlichkeit eine Einstufung von Urteilen nach dem Grad der Sicherheit ist, dann hat die Veranstaltungsszene im Moment eine Planungssicherheit von quasi null. So viel Math versteht auch die Kolumnistin noch.

In diesem Sinne: What a time to be a non-essential worker!


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