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Pegelstand

von Madeleine Corbat
© Rodja Galli, a259

Madeleine Corbat

Madeleine Corbat ist Produzentin bei Recycled Tv in Bern und Präsidentin des Vereins Cinéville/Kino Rex.

 

372 743 Franken. So viel will der Gemeinderat 2021 beim Kulturbudget kürzen. Treffen wird die Kürzung die Freie Szene, da die Leistungsverträge noch drei Jahre fix geregelt sind. Dagegen wehrt sich nun der Dachverband der Berner Kulturveranstalter Bekult: Recht so! Die geplanten Kürzungen sind der Todesstoss für einige Kulturschaffende, die bereits seit Beginn der Pandemie auf der Intensivstation liegen. Und die Krise wird, gerade im Kultur- und Event­bereich, noch Jahre dauern.

Zudem lebten viele Kulturschaffende schon vorher auf kleinem Fuss, Budgets von freien Produktionen waren oft knapp und die städtischen Subventionen sind in der Logik der finanziellen Nahrungskette oft die zentrale Anschubfinanzierung. 372 743 Franken sind, in einer Stadt, die sich teure Begegnungszonen und Marketingstrategien für Velowege leistet, nicht viel Geld. Für die Kultur aber existenziell. Zynisch formuliert: Eine vergleichsweise günstige Investition in Arbeitsplätze.

Andererseits läuft die Kulturszene Gefahr, in ihr altes Verhaltensmuster zu fallen. Bekult schlägt «eine grundsätzliche Neuorientierung in der städti­schen Kulturförderung» vor, will heissen, weniger Förderung für die «Grossen». Hinter vorgehaltener Hand und auf Sozialen Medien schlagen sich Kulturschaffende bereits die lädierten Schädel ein, wer wie viel einzusparen habe. Das riecht nach Futterneid und vorauseilendem Gehorsam.

«Jetzt erst recht!» muss die Devise aller gemeinsam sein. Jetzt erst recht darf die Stadt nicht sparen, nicht in einem Bereich, der einen wichtigen Anteil zur Wertschöpfung beiträgt, einem Bereich, der in seiner Diversität reichhaltig ist, einem Bereich, der seit der Krise gerne als systemrelevant (immer noch ein furchtbares Wort) bezeichnet wird. Es ist mehr denn je an der Zeit, dass in Bern ein nachhaltiges Engagement für die Kultur etabliert wird – auch auf der anderen Seite, in der Kulturpolitik. Denn einigermassen heil und ganz aus der Krise kommt nur, wer ge- und entschlossen auftritt und kämpft. Das haben andere Branchen längst begriffen. Die Krise ruft nach Solidarität, aber auch nach radikaleren Lösungen: Sparen, nein danke! Weder bei Gross noch Klein.


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