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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter der HKB und co-leitet die Vereine pakt bern - das neue musik netzwerk und Neustadt. Er pendelt zwischen Aare und Rhein.

Kürzlich verschlug es mich nach Olten, wo ich den Weg nach Däniken suchte – à pied. Gefühlt erfolgte die ganze Wanderung im Schatten des Kernkraftwerkes Gösgen und in Erinnerung an die Anti-AKW-Demo 1986. Es ist mir zur Angewohnheit geworden, zu Fuss zu gehen. Also eine Angewohnheit, deren Nichterfüllung mir existenziell aufs Gemüt schlägt. Was ich sagen will: Wenn ich nicht einmal die Woche mindestens 15 Kilometer unter die Füsse genommen habe, geht es mir nicht so gut.

Es mag eine Art Altersneurose sein, aber das ist mir egal. Ich gehe, also bin ich. «Beim Gehen wütet der Kopf», schreibt der Filmregisseur Werner Herzog im Tagebuch «Vom Gehen im Eis». Gehen kann aber auch das Gegenteil bewirken. Die Kopfleerung. Der Kopf füllt und leert sich nur, wenn er von den Füssen bewegt wird.

Der existenzialistischen Sicht auf das Gehen muss eine kulturelle hinzugefügt werden, vielleicht gar eine soziale. In der Fussbewegung wird der Mensch zum kulturellen und sozialen Wesen. Das ist eine steile These, in der Tat, und sie ist einer Beobachtung geschuldet, die ich hier teilen möchte: In Olten also querte ich, zufällig, wie es das Laufen so an sich hat, den Qebaptore Grill. Auf der Terrasse dieses einschlägigen Restaurants stand diese Softeismaschine. Schlagartig wurde mir bewusst, dass Softeis aus den gentrifizierten Innenstädten verbannt worden ist. Heute nennen wir Eis Gelati und stehen Stunden lang dafür an, vor der Gelateria di Berna. Was für ein zivilisatorischer Rückschritt! Hatten wir doch das Eisproblem schon mal effizient und kostengünstig gelöst.

Die Erkenntnis hat mich tief getroffen, als ich den Qebaptore Grill mitsamt Softeismaschine passierte. Und noch tiefer ging die Erschütterung, dass mir diese Erkenntnis nur widerfahren konnte, weil ich gegangen bin. Und zwar nicht dort, wo man geht, sondern in der scheusslich-schönen Agglo zwischen Olten und Däniken. Ferien daheim: okay. Fragt sich halt nur, was das Daheim ist. Für mich kann es auch mal Däniken sein. Allerdings nur zu Fuss.


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