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Pegelstand

von Barbara Boss
© Rodja Galli, a259

Barbara Boss

Barbara Boss ist freischaffende Produktionsleiterin und Dramaturgin. Sie ist ein «Bärgmeitschi» aus dem Oberland, fühlt sich aber in der Stadt Bern heimisch. Sie mag guten Schnaps, Bruce Springsteen und Katharsis im Theater.

Die Kolumnistin plagt der Weltschmerz. Das Blättern durch die Tageszeitung, die Gespräche im Atelier sind voller Hiobsbotschaften und düsterer Stimmung. Die allgemeine Schieflage nagt an ihrem Optimismus.

Bei den Berichten zur Polizeigewalt in Übersee – und ja, auch hier – wird der Kolumnistin wirklich bange. In den Flüchtlingscamps an den Grenzen Europas verenden nach wie vor Kinder, Frauen und Männer im Dreck unserer Wohlstandsgesellschaft – und unsere Regierung zuckt höchstens biz mit den Schultern. Das deutsche Fleischunternehmen Tönnies ist verantwortlich für Quarantäne einer ganzen Ortschaft – 1500 Mitarbeitende wurden positiv getestet. Auch eine Grossmetzgerei im Emmental zählt 16 Infektionen. Fast noch schlimmer als die verantwortungslose Betriebsführung: Die meisten Menschen, mit denen die Kolumnistin sich darüber unterhält, sind ernsthaft erstaunt da­rüber, wie in solchen Fleischfabriken mit Mensch und Tier umgegangen wird. Das ungarische Parlament hat einer Gesetzesänderung zugestimmt, wonach das Geschlecht einer Person bei der Geburt erfasst wird und danach nicht mehr geändert werden kann. Und der Nationalrat schaut dann im Herbst mal, ob man KMUs und Selbstständigen zum Beispiel in der Kulturbranche, die seit Ende Mai keine Unterstützungsmassnahmen mehr beanspruchen dürfen, über den Sommer vielleicht doch hätte helfen sollen.

Und dann liest die Kolumnistin dies: Das Opernhaus Barcelona eröffnet am ersten Tag nach dem Lockdown mit einem «Konzert für das Biozän». Ein Quartett spielt Puccinis «Crisantemi» – für 2200 Topfpflanzen. Zum Schluss stehen die vier auf und verbeugen sich. Ein Zeichen der Dankbarkeit für alles, was um uns herum wächst und uns Leben schenkt. Die Topfpflanzen wurden danach Pflegefachkräften geschenkt. Und dann ist die Kolumnistin irgendwie versöhnt. Für einen kurzen eskapistischen Moment.

In diesem Sinne: Après nous le déluge.


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