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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t. Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

Plötzlich war er da, der Lockdown. In der ersten Woche war ich antriebslos und hatte keine Lust auf gar nichts. In der zweiten Woche erwachten meine Lebensgeister langsam wieder und ich gab den Tagen meinen eigenen Rhythmus – gespickt mit Onlinesitzungen, von denen es viele gab.

Langweilig war mir nie, im Gegenteil: Ich genoss das Wirken im beschränkten Radius, fühlte mich beflügelt von Ideen und Spontanaktionen, die virtuell oder real umgesetzt wurden. Es gab vieles, das umorganisiert, anders oder neu gedacht werden musste.

Und so plötzlich er gekommen ist, so schnell ist er wieder vorbei und ich fühle mich so schlapp wie Mitte März. Mein Aktionsradius ist wieder grösser. Und der Produktionsdruck ist, kaum wurden die Massnahmen gelockert, wieder da: Probenvorbereitungen warten, für eine Besprechung Zug fahren anstatt den PC starten, Räume besichtigen, Verhandlungen vor Ort, schnell Texte redigieren, da eine abgesagte Publikation nun doch in den Druck geht… und wieder ins Theater gehen, sich inspirieren lassen von Kolleginnen, schauen, wie konstruktiv und ideenreich mit den geltenden Schutzmassnahmen umgegangen wird.

Doch was findet in den Häusern statt, wenn sie nochmals die Tore öffnen vor der Sommerpause? Werden die öffentlichen Anlagen diesen Sommer von kulturellen Angeboten überschwemmt? Straucheln wir in einen übertriebenen Aktionismus um zu zeigen, dass die Kunst unter den fast gleichen Bedingungen wie vorher besteht? Um nicht in Vergessenheit zu geraten und in der nächsten, schon angedrohten Sparrunde nicht leer auszugehen? Oder hängt es mit der überraschenden Aufhebung der Kurzarbeitsentschädigung für Inhaberinnen von Kulturunternehmen per Ende Mai zusammen, die zu Recht um ihre Existenz bangen? Oder schlicht mit dem gesellschaftlichen Druck auf die Kunstschaffenden, immer was aus der Kiste zaubern zu können?

Ich plädiere für Entschleunigung, das Standhalten, auch gegen den Druck, sofort wieder (re-)produzieren zu müssen. Auf Neues, auf Anderes, nicht nur in der Kultur!


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