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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Der Bundesrat hat rechtzeitig auf Pfingsten das Verbot von Gottesdiensten gelockert. Gemeinsames Singen wird in den Kirchgemeinden aber nach wie vor nicht möglich sein, erst recht nicht die Teilnahme der Kirchenchöre an den Gottesdiensten. Viele dieser Singgemeinschaften sind überaltert. Das gilt auch für die meisten traditionellen Dorf- und Quartierchöre. Ihre Zukunft ist höchst ungewiss. Zunächst einmal ist nach wie vor unklar, wann sie ihre Proben wieder aufnehmen können. Dann fragt sich aber auch, wie viele der Sängerinnen und Sänger wieder zurückkehren werden. Die meisten gehören zu den Corona-Hochrisikogruppen, und es ist vorstellbar, dass sie es vorziehen werden, sich nicht zu exponieren. Ein Probenbetrieb wird vielleicht nur möglich sein, wenn einschlägige Schutzmassnahmen ergriffen werden, die allerdings alle faktische Verunmöglichungen sind: Abstand halten, keine Berührungen, und keine Treffen nach dem Singen in Gaststätten.

Es ist deshalb zu befürchten, dass die Coronakrise eine Entwicklung rasant beschleunigt: Die Chorvereinigung Bern und Umgebung hatte vor fünf Jahren zugesagt, die Organisation des Kantonalen Gesangsfestes 2020 zu übernehmen. Vor zwei Jahren musste sie eingestehen, dass sie nicht mehr die Ressourcen hat, einen solchen Grossanlass auf die Beine zu stellen. Was für eine Ironie! Hätte sie sich mit Ach und Krach doch noch dazu durchgerungen und bei ihren Mitglied­chören so viel Druck aufgebaut, dass diese daran vielleicht zerbrochen wären, dann müsste sie nun erst noch damit leben, dass der Anlass gar nicht hätte stattfinden können.

Diesen Druck hat die Vereinigung ihren Mitgliedern erspart, nur um jetzt fürchten zu müssen, dass diese Opfer eines Lockdowns werden, der für die Chöre noch länger anhalten dürfte. Wie viele davon sich dann noch einmal aufrappeln können, wenn sich die Situation wieder beruhigt hat, ist völlig offen.

 


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