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Pegelstand

von Madeleine Corbat
© Rodja Galli, a259

Madeleine Corbat

Madeleine Corbat ist Produzentin bei Recycled Tv in Bern und Präsidentin des Vereins Cinéville / Kino Rex.

Die Kultur hat in den aktuell schwierigen Zeiten Hochkonjunktur. Sie wird geschätzt, Bücher, Musik und Filme helfen über einsame Pandemietage und -nächte hinweg, Kulturschaffende feiern sich als systemrelevant (was für ein hässliches Wort), sind international gut vernetzt, Lady Gaga organisiert eine Liveshow mit ihren Gspänli; Museen weltweit öffnen ihre Pforten virtuell und führen durch ihre Ausstellungen und Sammlungen, Theater liefern Online-Häppchen fürs Homeoffice, Orchester streamen aus leeren Konzertsälen in die Stuben von Klassikfans, Filmschaffende schalten ihre früheren Werke kostenlos zur Visionierung frei. Alles schön und gut. Und gratis. Autsch. Gratis ist immer gefährlich: Die kulturelle Hoch-Zeit kann schnell in einem üblen Kater enden.

Denn tatsächlich bleiben nach den anstehenden Lockerungen ganz viele Kulturschaffende und -häuser im Lockdown. Sommerfestivals müssen abgesagt werden, kein Gurtenfestival, keine Filmfestivals in Neuenburg und Locarno, und und und. Die Liste ist lang. Konkret bedeutet dies weiterhin einen tiefen Einschnitt in die Leben vieler Kulturschaffender und für die Kulturwirtschaft. Lange können sie sich diese Gratis-Kultur nicht mehr leisten.

Deshalb sei die Frage erlaubt: Was geschieht, wenn die momentane Pro-Kultur-Stimmung, kippt? Wenn es im Herbst ums finanziell Eingemachte geht? Wer hat die stärkere Lobby, die Kultur oder etwa die Auto-, Flug- oder Finanzindustrie? Wie lange sind die Behörden bereit, die Kulturschaffenden durch den langen Lockdown zu bringen, beziehungsweise zu füttern? Was, wenn die grossherzigen Kulturschaffenden nach ihren kostenlosen Performances wieder ihren relevanten Status verlieren? Werden ihre Stimmen noch laut und deutlich genug sein?

Das mag eine pessimistische Vorstellung der postpandemischen Zeit sein. Oder einfach die Realität. Umso wichtiger, nicht länger gratis systemrelevant zu sein. Sondern, mehr denn je, systemkritisch zu bleiben.


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